Tag & Nacht

Am Sonntag, dem 5. Mai, trifft in Frankreich ein hochrangiger Gast ein: der chinesische Präsident Xi Jinping. Sein Besuch markiert ein bedeutendes Ereignis, denn Frankreich und China feiern dieses Jahr das 60-jährige Bestehen ihrer diplomatischen Beziehungen.

Ein historischer Rückblick zeigt, dass Frankreich 1964 als erstes westliches Land die kommunistisch geführte Volksrepublik China anerkannte. Diese Entscheidung wurde von General Charles de Gaulle gefällt, der damals die geopolitische Landschaft mit einem mutigen Schachzug prägte. Warum war dieser Schritt so entscheidend?


General de Gaulle erklärte damals, dass die Anerkennung Chinas lediglich die Realitäten der Welt widerspiegele und keineswegs eine Zustimmung zum herrschenden kommunistischen Regime darstelle. Diese politische Weitsicht ebnete den Weg für eine „besondere Beziehung“ zwischen den beiden Nationen.

Claude Martin, ehemaliger französischer Botschafter in China und Teil des ersten diplomatischen Teams, das nach Peking entsandt wurde, erinnert sich an de Gaulles Entscheidung als einen „mutigen Akt“. Zu jener Zeit vertrat Taiwan China bei den Vereinten Nationen, während das bevölkerungsreiche Festland-China dabei war, eine eigene nukleare Bewaffnung zu entwickeln. Durch die Anerkennung wollte de Gaulle jedoch nicht den Kommunismus stärken, sondern vielmehr da alten chinesische Kaiserreich ehren, nicht etwa die neue kommunistische Macht.

Heute, 60 Jahre später, steht Frankreich vor neuen Herausforderungen in der Beziehung zu China. Trotz der langen gemeinsamen Geschichte verzeichnet Frankreich ein Handelsdefizit von 50 Milliarden Euro mit China. Die wachsenden Spannungen zwischen westlichen demokratischen Werten und der politischen Realität unter Xi Jinping werfen Fragen auf:

Wie wird Frankreich seine Stimme während des Staatsbesuchs geltend machen können?

Präsident Emmanuel Macron hat entschieden, den europäischen Ansatz zu verstärken. Er lädt Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, zu den Gesprächen in Paris ein. Dieser Schritt unterstreicht das Bestreben Frankreichs, sowohl auf China Einfluss zu nehmen als auch seine strategische Autonomie gegenüber den USA zu wahren, die verstärkt vor den Gefahren durch China warnen.

Dieser Besuch bietet eine Gelegenheit, nicht nur vergangene Erfolge zu feiern, sondern auch zukünftige Wege der Zusammenarbeit zu erkunden. Was kann aus dieser historischen Bindung für die Zukunft gelernt werden, und wie kann eine ausgewogene Beziehung aufgebaut werden, die sowohl Respekt als auch kritische Distanz bewahrt?

Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur für die beteiligten Länder von Bedeutung sein, sondern könnten auch die globalen geopolitischen Dynamiken prägen. Der Besuch von Xi Jinping in Frankreich ist daher mehr als nur eine Feierlichkeit – es ist ein strategisches Ereignis von großer Tragweite.


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