Tag & Nacht

Ein Betroffener konnte nicht heiraten und seine Kinder bei der Geburt nicht anerkennen – weil seine Identität gestohlen wurde. Sein Leben wurde zur Hölle, nachdem ihm vor fast fünfundzwanzig Jahren seine Papiere entwendet worden waren. Er wäre sogar beinahe Opfer eines Justizirrtums geworden, als er für ein Verbrechen verhaftet wurde, das er nicht begangen hatte.

Im Sommer 2000 geriet Josés Leben aus den Fugen. Einige Tage nach der Geburt seiner Tochter, als er sie bei der Kindergeldkasse anmelden wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass eine Person mit seiner Identität als Kindergeldbezieher bereits registriert war. Das für die Auszahlungen angegebene Bankkonto war allerdings nicht das von José. Er bringt dies mit dem Verschwinden seiner Papiere aus einem Zug ein Jahr zuvor in Verbindung und erkennt, dass der Dieb seine Identität angenommen hat. Mit seinen persönlichen Informationen ausgestattet und indem er das Foto auf dem Personalausweises ersetzt hat, bezieht sein „Doppelgänger“ an seiner Stelle Sozialleistungen. José erstattet Anzeige, aber der Betrüger geht noch viel weiter.


Die Klage hindert den Betrüger nicht daran, sich ein komplettes Leben mit Josés Identität aufzubauen. An dem Tag, an dem José eine Geburtsurkunde beantragt, kann er darin den Vermerk „verheiratet“ lesen, in London, mit einer Frau, die er überhaupt nicht kennt. Unter dem Namen José hat der Betrüger einen Job, Kinder … und begeht weiterhin Betrügereien. Von José werden unbezahlte Steuern und Darlehensrückzahlungen gefordert, bis zu 1.000 Euro im Monat. Er kann nicht mehr legal arbeiten, da sein Doppelgänger an seiner Stelle steuerlich angemeldet ist…

Ein Albtraum, der kein Ende zu nehmen scheint
Eines Tages im Jahr 2009 geschieht das Undenkbare. Als José sein Haus verlässt, sieht er sich Auge in Auge mit einem Einsatzkommando der Gendarmerie konfrontiert. Die Gendarmen verhaften ihn. In Polizeigewahrsam erfährt er, dass er wegen der Vergewaltigung und Freiheitsberaubung von zwei Frauen gesucht wird. José wird schließlich entlastet und sein Doppelgänger zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Zehn Jahre nach seiner ersten Anzeige wird José als Opfer eines Identitätsdiebstahls anerkannt und glaubt, nun aus dem Gröbsten heraus zu sein. Doch sein Albtraum scheint kein Ende zu nehmen, selbst als der Betrüger inzwischen hinter Gittern sitzt. Er dauert nun schon 25 Jahre an.

Wie José werden in Frankreich laut einer Schätzung der Sicherheitsbehörden jedes Jahr etwa 400.000 Menschen Opfer von Identitätsdiebstahl. Mit dem Ende der Papierformulare und der Zunahme der Online-Behördengänge ist die Zahl dieser Straftaten explosionsartig angestiegen. Betrüger stehlen den Namen eines anderen, um Verbraucherkredite aufzunehmen, eine Wohnung zu mieten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ohne zu bezahlen… Betrüger machen ihren Opfern täglich das Leben zur Hölle.

Auszug aus „L’enfer des vols d’identité“, einer Reportage, die am 26. Oktober 2023 auf dem Sender France 2 in der Sendung „Envoyé spécial“ zu sehen ist.


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