Tag & Nacht

Pünktlich zu Allerheiligen, dem katholischen Gedenktag für die Toten, werden in den Medien Anwendungen vorgestellt, die sich als „Grief Tech“ oder „Technologie im Dienste der Trauer“ bezeichnen. Die meisten dieser Technologien setzen auf künstliche Intelligenz, um Hinterbliebenen das Gefühl zu geben, auf die eine oder andere Weise mit einem verstorbenen Angehörigen zu interagieren.

Es kann ein einfacher Austausch von Nachrichten sein, so als würde man sich mit einer Art ChatGPT unterhalten, der aber dieselbe Persönlichkeit wie der Verstorbene hat. Die Anwendung kann Fragen beantworten und persönliche Anekdoten erzählen… Einige Tools gehen in ihrem Realismus noch sehr viel weiter. Man sieht sich dann einem echten virtuellen Klon aus synthetischen Bildern gegenüber, der mit der gleichen Stimme und Intonation spricht und antwortet wie die verstorbene Person. Die Anwendungen heißen HereAfter, StoryFile oder Re-Memory. Und es gibt immer mehr davon.


Um die Persönlichkeit des Verstorbenen zu klonen, gehen diese Tools auf verschiedene Weise vor. Entweder füttern die Familie oder die Angehörigen eine künstliche Intelligenz mit möglichst vielen Informationen. Oder man trainiert diese selbst schon zu seinen Lebzeiten. Das System führt dann eine Reihe von Interviews durch, indem es Fragen zu Urlaubserinnerungen, Geschwistern, Freunden usw. stellt. Dadurch wird der Klon so realistisch wie möglich gestaltet.

Aber Vorsicht: Dahinter steht keine Zauberei. Wenn man dem KI-Klon eine Frage stellt, auf die er keine Antwort hat, wird er sich bestenfalls mit einer Pirouette herausreden, schlimmstenfalls kommt es zum klassischen „Ich habe das nicht richtig verstanden. Können Sie das bitte umformulieren?“. Und ausserdem ist das nicht kostenlos. Wenn man das Abonnement nicht mehr bezahlt, verschwindet auch das virtuelle Doppel der verstorbenen Person endgültig.

Einerseits könnte man diese neuen Technologien als eine verbesserte Version von Facebook-Gedenkseiten sehen. Es stellt sich aber auch die Frage der Zustimmung, wenn der virtuelle Klon erst nach dem Tod von Angehörigen erstellt wird, und es stellt sich auch die Frage der Privatsphäre, wenn man selbst Zugang zu seinen persönlichen Informationen gewährt und später keine Kontrolle mehr darüber hat, wie diese Informationen ausgewertet werden, nachdem man nicht mehr da ist. Und wie wird sich das alles langfristig auf die Hinterbliebenen auswirken, wenn sie beliebig oft mit einer verstorbenen Person interagieren können? Das sind Fragen, die solche Technologien „im Dienste der Trauerarbeit“ aufwerfen.


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