Tag & Nacht

Am 10. Juni jährt sich das Massaker von Oradour-sur-Glane zum 80. Mal. An diesem Tag werden der französische Präsident Emmanuel Macron und sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier diesen Ort des Grauens besuchen, um der 643 Opfer zu gedenken. Darunter waren 200 Kinder. Trotz der bekannten Verantwortlichen bleiben einige Fragen zu den genauen Abläufen der SS-Division Das Reich.

Überlebende des Grauens

Marguerite Rouffanche, die einzige Frau, die das Massaker überlebte, konnte auch Monate nach dem Verbrechen kaum fassen, was geschehen war. Sie war mit ihren beiden Töchtern und ihrem sieben Monate alten Enkel in der Dorfkirche eingesperrt. „Es war entsetzlich, unbeschreiblich“, berichtete sie. Ihre jüngste Tochter starb neben ihr durch Gewehrkugeln, die ihre Halsschlagader durchtrennten. Ihre älteste Tochter verbrannte zusammen mit anderen Dorfbewohnern in der Sakristei. Marguerite gelang die Flucht durch ein Kirchenfenster, doch der Rest ihrer Familie wurde ermordet. Ihr Mann und ihr Sohn wurden in einer der Scheunen des Dorfes exekutiert.

Ein Ort der Erinnerung

Acht Jahrzehnte später werden die Präsidenten Macron und Steinmeier an diesen Ort zurückkehren, um die Opfer zu ehren. Schon 2013 hatte François Hollande gemeinsam mit Joachim Gauck, dem damaligen deutschen Bundespräsidenten, Oradour-sur-Glane besucht. Gauck erkannte die deutsche Verantwortung an und umarmte einen der letzten Überlebenden, Robert Hébras. „Es ist schwer zu begreifen, dass gewöhnliche Männer zu gewissenlosen Mördern werden konnten. Und doch ist es geschehen – hier in Oradour und an vielen anderen Orten in Europa“, sagte Gauck damals.

Die grausame SS-Division „Das Reich

Die Täter des Massakers waren Soldaten der SS-Division „Das Reich“, eine der ältesten Einheiten der Waffen-SS. Diese Division hatte sich durch Massenexekutionen an der Ostfront „bewährt“, bevor sie im Frühjahr 1944 nach Montauban verlegt wurde, um dort ihre Kräfte zu regenerieren und gleichzeitig gegen die französische Résistance vorzugehen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie eskalierte die Gewalt dieser Einheit dramatisch.

Am 9. Juni 1944 besetzten die Soldaten von „Das Reich“ die Stadt Tulle und hängten 99 Männer an Balkonen und Laternenmasten auf. Weitere 149 wurden deportiert. Einen Tag später marschierte eine Kompanie von etwa 200 Waffen-SS-Angehörigen in Richtung Oradour-sur-Glane. Der Ort wurde systematisch umzingelt, die Einwohner auf dem Dorfplatz zusammengetrieben und dann getrennt: Die Männer wurden in Scheunen erschossen, Frauen und Kinder in der Kirche eingesperrt und zum Teil bei lebendigem Leib verbrannt.

Die Verantwortung der Befehlshaber

Die Gräueltaten wurden von Major Adolf Diekmann und seinen Männern unter dem Kommando von General Heinz Lammerding ausgeführt. Doch wer traf die Entscheidung für dieses abscheuliche Verbrechen? Der Historiker und Anwalt Nicolas Bernard glaubt nicht an einen Alleingang von Lammerding. Er vermutet, dass die Befehle von Heinrich Himmler, dem Chef der SS, kamen, was wiederum auf Hitlers Verantwortung hinweist. Diese These stützt sich auf das klare Ziel der Besatzer, die französische Bevölkerung durch Terror zu „befrieden“ und so die Résistance zu zerschlagen.

Warum Oradour-sur-Glane?

Doch warum wurde gerade dieses friedliche Dorf im Limousin ausgewählt? Laut Bernard war Oradour-sur-Glane ein leichtes Ziel: klein genug, um von einer Kompanie vollständig ausgelöscht zu werden, ruhig und somit risikoarm für die Täter, und wohlhabend genug, um Plünderungen attraktiv zu machen. Zudem lag es strategisch auf dem Weg der Division „Das Reich“ nach Norden.

Keine vollständige Gerechtigkeit

Trotz der klaren Beweise und der bekannten Täter entkamen viele der SS-Soldaten der Justiz. Adolf Diekmann fiel drei Wochen nach dem Massaker, während Heinz Lammerding, dessen Auslieferung von den deutschen Behörden verweigert wurde, 1971 unbehelligt in Westdeutschland starb. 1953 wurden 21 Mitglieder der SS-Division in Bordeaux vor Gericht gestellt, darunter 14 Elsässer, die als „Malgré-Nous“ zwangsrekrutiert worden waren. Doch das Verfahren führte zu einem tiefen Graben zwischen den Opfern und den französischen Behörden. Die meisten Verurteilten wurden innerhalb von fünf Jahren begnadigt oder amnestiert.

Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Nach dem Krieg entschied man, die Ruinen von Oradour-sur-Glane als Mahnmal zu erhalten. Die Gebäude, die von Flammen und Kugeln gezeichnet sind, sollen künftigen Generationen von der Grausamkeit der NS-Zeit erzählen. Trotz des Zerfalls der Ruinen bleibt es wichtig, diesen Ort zu bewahren. Er erinnert daran, welche Schrecken aus Hass und Diktatur erwachsen können. Nicolas Bernard fasst es treffend zusammen: „Ein solcher Erinnerungsort mahnt die Menschheit, besonders in Zeiten, in denen autoritäre, hasserfüllte und tödliche Ideologien wieder auf dem Vormarsch sind.“


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