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Nach mehreren Tagen Unruhen und Plünderungen in Neukaledonien erhebt Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin schwere Vorwürfe gegen Aserbaidschan. Er beschuldigt das Land, in der französischen Inselgruppe einzugreifen. Doch was steckt hinter diesen Anschuldigungen? Welches Interesse könnte Aserbaidschan an Neukaledonien haben?

Überraschende Anschuldigungen

Neukaledonien, ein idyllisches Archipel im Pazifik, und Aserbaidschan, eine ehemalige Sowjetrepublik am Kaspischen Meer – auf den ersten Blick scheinen diese beiden Orte nichts gemeinsam zu haben. Doch Gérald Darmanin sieht das anders. Er erklärte auf „Télématin“ auf dem Sender France 2: „Das ist kein Fantasiegebilde, sondern Realität.“ Laut Darmanin nutzen autoritäre Regime wie Russland, Aserbaidschan und China jede Schwachstelle in unseren Gesellschaften, um öffentliche Debatten zu polarisieren und Chaos zu stiften. Er betonte dabei die Souveränität Frankreichs und ließ keinen Zweifel daran, dass diese fremden Mächte gezielt Zwietracht säen.

Raphaël Glucksmann, ein europäischer Abgeordneter und Kandidat für die bevorstehenden Europawahlen, teilt diese Ansicht. Er sprach auf Public Sénat von einem „Eingriffsversuch“ Aserbaidschans, der seit Monaten andauert. „Sie nutzen bestehende interne Probleme, um Salz in die Wunden zu streuen und die Lage zu verschärfen“, so Glucksmann.

Ein denkwürdiges Abkommen

Im April 2023 wurde ein bemerkenswerter Schritt vollzogen: Ein Memorandum der Zusammenarbeit zwischen dem Kongress von Neukaledonien und der Nationalversammlung von Aserbaidschan wurde unterzeichnet. Dieses Abkommen umfasst kulturelle, bildungspolitische und politische Maßnahmen. Besonders auffällig war das Engagement der aserbaidschanischen Parlamentarier, die internationale Gemeinschaft für das Selbstbestimmungsrecht des neukaledonischen Volkes zu sensibilisieren.

Diese Vereinbarung löste Unruhe unter den loyalistischen Politikern Neukaledoniens aus. Bereits im Juli 2023 hatte Aserbaidschan führende Köpfe der Unabhängigkeitsbewegungen aus Martinique, Guyana, Neukaledonien und Französisch-Polynesien nach Baku eingeladen.

Geopolitische Spannungen

Warum aber sollte sich Aserbaidschan überhaupt für Neukaledonien interessieren? Die Antwort liegt in den komplexen geopolitischen Beziehungen zwischen Frankreich, Armenien und Aserbaidschan. Frankreich hat Armenien, den traditionellen Feind Aserbaidschans, schon immer unterstützt. Im November letzten Jahres beschuldigte Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew Frankreich, Armenien zu bewaffnen und die Region des Südkaukasus zu destabilisieren. Diese Region ist seit Jahrzehnten Schauplatz von Konflikten, insbesondere um das Gebiet Bergkarabach, das ursprünglich mehrheitlich von Armeniern bewohnt wurde.

Reaktionen und Konsequenzen

Aserbaidschan wies die Vorwürfe von Gérald Darmanin scharf zurück. In einer offiziellen Erklärung wurden die Anschuldigungen als „unbegründet“, „beleidigend“ und „verleumderisch“ bezeichnet. Aserbaidschan bestreitet jede Verbindung zu den neukaledonischen Unabhängigkeitsbewegungen. In einer überraschenden Wendung sperrte die französische Regierung vorübergehend den Zugang zu TikTok in Neukaledonien, um mögliche Manipulationen zu verhindern. TikTok ist bei der jungen Bevölkerung besonders beliebt – könnte hier der wahre Auslöser der Unruhen liegen?

Diese komplexe Verflechtung von internationaler Politik und lokaler Unruhe wirft viele Fragen auf. Wer hätte gedacht, dass ein Konflikt in einem abgelegenen Pazifikparadies mit den geopolitischen Spannungen im Südkaukasus verbunden sein könnte? Die Lage bleibt angespannt, und es bleibt abzuwarten, wie sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Aserbaidschan weiterentwickeln werden. Klar ist nur: Die Weltpolitik hat viele Gesichter – und manchmal sind die Verbindungen unerwarteter, als man denkt.


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