Weihnachts- und Neujahrszeit, die „Zeit zwischen den Jahren“

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Dieser Ausdruck bezeichnet nicht einfach den Übergang von einem Jahr in ein neues. Das wäre ja nur eine winzige Zeitspanne, ein Augenblick, wie von einem Tag auf den anderen. Gemeint ist auch nicht der von vielen empfundene Stillstand der Zeit in den Tagen um Weihnachten.

Er geht zurück auf die Umstellung vom Mond- auf den Sonnenkalender. Im Mondkalender wird die Zeit gezählt, die der Mond für die Erdumkreisung benötigt, das sind 29 ½ Tage (die Zeit zwischen zwei Neumonden), in einem Jahr also 354 Tage. Im Sonnenkalender dagegen zählt man die Zeit, die die Erde braucht, um die Sonne zu umrunden. Das sind ca. 365 Tage.

Aus der Differenz von 365 und 354 ergeben sich 11 Tage bzw. 12 Nächte, die zwischen einem Mondjahr und einem Sonnenjahr, also zwischen den Jahren liegen. Sie betreffen die Zeit zwischen dem 24./25. Dezember und dem 5./6. Januar. Manchmal wird auch schon ab dem 20./21. Dezember, der Nacht der Wintersonnenwende, gezählt, die letzte Nacht ist dann entsprechend am 1./2. Januar.

Die 12 Nächte dieser Zeit werden auch „Heilige Nächte“ oder „Rauhnächte“ genannt. Ihnen wird eine ganz besondere Zeitqualität nachgesagt.

So sollen die Grenzen zu anderen Welten offenstehen und Blicke in die Zukunft möglich sein. Jede dieser 12 Nächte soll stellvertretend für einen Monat des kommenden Jahres stehen. Daraus entwickelten sich in vielen Kulturen verschiedene Rituale zum Vorhersehen und Wahrsagen. Erhalten geblieben und verbreitet ist bis in unsere Tage das Bleigießen zu Silvester. Auch sollen Träume Hinweise auf das kommende Jahr enthalten und manches offenbaren, was sonst verborgen bleibt.

Für die Bezeichnung „Rauhnacht“ gibt es zwei Erklärungen.

„Rauh“ bedeutete im Mittelhochdeutschen „haarig“ – damit war das Fell gemeint (heute noch erhalten in der Bezeichnung „Rauchwaren“ für Pelzwerk!), in diesem Fall das Fell von Dämonen, die zusammen mit allerlei Teufeln und bösen Geistern in der dunkelsten Jahreszeit die Menschen belästigen und ärgern. So soll man zum Beispiel in der Rauhnachtszeit keine Wäsche aufhängen, da sich dort die Geister verfangen und wütend reagieren könnten.

Daraus folgt die zweite Erklärung. „Rauh“ steht auch für Rauch. Um dunkle Mächte abzuwehren, gibt es seit frühester Zeit Räucherrituale, die diese bösen Geister, Teufel und Dämonen vertreiben sollen. Als besonders wirkungsvoll wurde schon immer der Weihrauch angesehen. Diesen hat später die katholische Kirche übernommen, womit das Räuchern auch zu einer christlichen Handlung wurde.

Eine weitere Überlieferung zu den Rauhnächten ist die Geschichte von der  Wilden Jagd, die in dieser Zeit über den Himmel tobt. Übernatürliche Jäger reiten auf weißen Pferden durch die Lüfte und versuchen, je nach Darstellung, den Menschen zu schaden oder aber ihnen beim Wiederfinden des Lichts zu helfen. In der nordischen Mythologie ist Odin (germanisch Wotan) der Anführer dieser Schar von Geistern, Elfen, Dämonen, Verstorbenen. Die Wilde Jagd findet immer unter lautem Getöse statt, sie kann als Heulen und Stürmen wahrgenommen werden, auch das Bellen der weißen Jagdhunde soll zu hören sein. Manchmal warnt ein Vorreiter: “Ho-ho-ho, aus dem Weg, damit niemand geschändet wird!“ Darauf geht auch das „Ho-ho-ho“ des Weihnachtsmanns zurück, der in seinem von Rentieren gezogenen Schlitten durch die Lüfte braust.

Die Sage von der Wilden Jagd existiert in vielen Teilen Europas. Für sie gibt es auch im Französischen entsprechende Bezeichnungen: chasse sauvage, chasse aérienne oder mesnie hellequin. Rauhnacht dagegen bleibt meist unübersetzt stehen.

Was von den alten Bräuchen zur Weihnachts- und Rauhnachtzeit ist christlich, was vorchristlich? Einiges geht ineinander über. Weihnachten – klar: Geburt Jesu und damit Geburt des Christentums. Das Julfest zur Feier der Wintersonnenwende dagegen ist älter. Sicher ist: Es geht immer um das LICHT und seine Rückkehr. Wir befinden uns in der dunkelsten Zeit des Jahres, und die Menschen suchen das Helle auf vielfältige Arten. Das kann auch in Form von Klarheit über das Kommende sein: sie wollen wissen, was die Zukunft bringt.

Das Räuchern im weiteren Sinne wird seit einigen Jahren vermehrt praktiziert, es hat den Hauch des Exotischen verloren. Es verbreitete sich u.a. mit dem Aufkommen vom chinesischen Feng Shui bei uns im Westen und dient ganz allgemein der energetischen Reinigung von Räumen. Das ist sicher ein positiver Aspekt, gute Energien sind immer willkommen, ob es nun im Geist der alten Kelten oder der Chinesen oder zeitgemäß-modern geschieht. Auch Aromatherapie gehört hier erwähnt.

Wenn du wissen möchtest, ob an den alten Geschichten über die Rauhnächte etwas dran ist, möchte ich dich zu einem Experiment einladen: Schreib in den kommenden Tagen deine Träume auf, außerdem alles, was dir auffällig vorkommt. Bewahre das Geschriebene gut auf und lies es spätestens in der nächsten „Zeit zwischen den Jahren“. Kannst du etwas damit anfangen? Hast du wirklich die großen Linien deines Jahres quasi im Entwurf gesehen? –  

Das wäre einen Versuch wert, oder?

Wenn es im Außen hakt, brauchen wir ab und zu eine Pause und ziehen uns gern ins Innen zurück. Ich wünsche dir, dass du die Zeit zwischen den Jahren genießen und neue Energien sammeln kannst, auch wenn die äußere Situation nicht dem entspricht, wie du, wie wir alle es gern hätten!

Deine Elisa

P.S. Ich weiß, dass „rau“ inzwischen ohne h geschrieben wird, ich müsste eigentlich „Raunächte“ schreiben. Da aber der Begriff als historische Bezeichnung betrachtet werden kann, habe ich das h beibehalten, wie es auch in den meisten Quellen gemacht wird 😊


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