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Alle Artikel · 10.09.2025 10:23

110 Jahre Unabhängigkeit, Satire und Skandale: Der „Canard enchaîné“ wird zum Denkmal des Journalismus

Ein Zeitungsente wird 110 – und ganz Frankreich feiert mit. „Le Canard enchaîné“, das wohl bissigste Blatt der Grande Nation, begeht am 10. September 2025 sein 110-jähriges Bestehen. Während viele Printmedien ums Überleben kämpfen,...

Ein Zeitungsente wird 110 – und ganz Frankreich feiert mit. „Le Canard enchaîné“, das wohl bissigste Blatt der Grande Nation, begeht am 10. September 2025 sein 110-jähriges Bestehen. Während viele Printmedien ums Überleben kämpfen, hat sich dieser traditionsreiche Titel etwas bewahrt, das heute selten geworden ist: totale Unabhängigkeit, unerschütterliche Haltung – und einen scharfen Schnabel.

110 Jahre, in denen der „Canard“ kein einziges Mal Werbung gedruckt hat. Keine Investoren, keine Subventionen, keine Rabatte für gute Laune. Nur Satire, Recherche, Relevanz – und eine treue Leserschaft.

Aber was macht dieses Medium so besonders?


Als Frankreich den Humor brauchte

Die Geburtsstunde des „Canard enchaîné“ war alles andere als lustig. 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, gründeten Maurice und Jeanne Maréchal sowie der Zeichner H.-P. Gassier die Zeitung – als Reaktion auf Kriegszensur und Propaganda. Der Titel ist ein Wortspiel: „Canard“ bedeutet im Französischen nicht nur „Ente“, sondern auch „Zeitung“ im umgangssprachlichen Sinne. Und „enchaîné“ – „angeleint“ – spielt auf die Fesseln der Pressefreiheit an.

Ursprünglich eine Reaktion auf Clemenceaus zensiertes „L’Homme enchaîné“, entwickelte sich der „Canard“ rasch zum Sprachrohr der subversiven Vernunft. Schon früh war klar: Wer hier schreibt, nimmt kein Blatt vor den Mund – und kein Geld von außen.

Maurice Maréchals Credo ist legendär: „Mein erster Impuls bei einem Skandal ist Empörung, der zweite ist, darüber zu lachen.“ Dieser doppelte Reflex – indigniert und ironisch zugleich – ist bis heute das Markenzeichen der Zeitung.


Keine Werbung, keine Gnade

Der „Canard“ gehört seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Punkt. Diese Eigentümerstruktur ist einzigartig – nicht nur in Frankreich. Das Blatt finanziert sich ausschließlich durch den Verkauf seiner Wochenzeitung. Keine Werbung. Keine Werbepartner. Keine Konferenzen mit PR-Leuten.

Das hat seinen Preis – und seine Freiheit.

Während andere Medienhäuser um Aufmerksamkeit ringen, bleibt der „Canard“ kühl. Die Redaktion entscheidet, worüber sie schreibt – nicht der Markt, nicht die Klickzahlen, nicht die Politik. Der Spruch „La liberté de la presse ne s’use que quand on ne s’en sert pas“ – „Die Pressefreiheit nutzt sich nur ab, wenn man sie nicht nutzt“ – steht nicht als Zitat an der Wand, sondern als Haltung in jeder Zeile.


Digital? Na gut, aber nur ein bisschen

Lange war das Internet für den „Canard“ ein rotes Tuch. Während rundherum alle digitalisierten, blieb man dem Papier treu. Ein trotziges Statement – und ein mutiger Akt der Selbstbeschränkung.

Erst 2024, nach Jahren der digitalen Askese, erschien die erste offizielle Website. Kein Web-Kiosk, keine App-Offensive, kein Algorithmus-Gekuschel – sondern eine schlichte, funktionale Seite mit ausgewählten Inhalten. Der „Canard“ bleibt sich treu, auch im Netz.

Ist das altmodisch? Vielleicht. Aber es funktioniert.


Skandal ist Alltag – und Recherche ein Ehrenkodex

Wer in Frankreich in ein Amt kommt, zittert nicht selten vor dem Mittwoch. Denn mittwochs erscheint der „Canard“. Und er schaut genau hin.

Von den berühmten „Diamanten von Giscard“ in den 1970ern bis zur Fillon-Affäre 2017: Viele politische Karrieren endeten nach Enthüllungen des „Canard“ – oder nahmen Schaden, der nie mehr zu kitten war. Das Blatt veröffentlicht keine anonymen Anschuldigungen, sondern akribisch recherchierte Berichte, oft begleitet von scharfzüngigen Karikaturen und einem spöttischen Ton, der unter die Haut geht.

Ein besonders heikler Moment war die Berichterstattung über Premierminister Pierre Bérégovoy, der nach Enthüllungen über einen zinslosen Kredit Selbstmord beging. Der „Canard“ zog Konsequenzen – und verzichtete auf Nachdrucke. Ein stilles Zeichen der Verantwortung, das tief beeindruckte.


Zwischen Federkiel und Federführung: Der „Canard“ heute

110 Jahre alt – und kein bisschen leise.

Auch heute bleibt die Zeitung ein Kraftzentrum des französischen Journalismus. Sie erreicht jede Woche mehrere hunderttausend Leserinnen und Leser, darunter viele junge Erwachsene, die den Mix aus Recherche, Satire und Selbstironie schätzen. In einer Medienlandschaft, die immer mehr von Eilmeldungen, Meinungskolumnen und viralen Empörungen lebt, wirkt der „Canard“ fast aus der Zeit gefallen – und gerade deshalb so relevant.

Natürlich muss sich auch ein Dinosaurier irgendwann bewegen. Die digitale Öffnung ist ein erster Schritt. Doch der „Canard“ bleibt vorsichtig. Kein schneller Hype, kein Streaming-Kanal, keine TikTok-Show. Nur eine Ente, die lieber gründlich schnattert als laut.


Und morgen?

Die Herausforderungen sind gewaltig: sinkende Auflagenzahlen im Print, neue digitale Konkurrenten, veränderte Konsumgewohnheiten. Aber der „Canard“ hat etwas, was vielen fehlt – Haltung, Humor und eine Leserbindung, die auf Vertrauen basiert, nicht auf Trickserei.

Die große Frage ist: Kann eine Zeitung, die auf Ironie, Tiefgang und Zeit setzt, in einer Ära der Oberflächlichkeiten und Sofortreaktionen überleben?

Sie muss überleben – als Stachel im Fleisch der Mächtigen, als Leuchtturm für echten Journalismus, als Beweis, dass auch nach 110 Jahren eine freche, schlaue Ente den Ton angeben kann.

Autor: Andreas M. Brucker

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