À la une · 28.08.2025 07:06
120 Stunden für ein neues Zuhause – Wie Angoulême zeigt, dass Stadtwandel anders geht
Fünf Tage. Ein Gebäude. Hundert Menschen. In Angoulême, einer Kleinstadt im Südwesten Frankreichs, wurde in einer einzigen Woche aus einem heruntergekommenen Wohnhaus ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Und das mit Tempo, Herz und Hirn. Kein Werbegag,...
Fünf Tage. Ein Gebäude. Hundert Menschen.
In Angoulême, einer Kleinstadt im Südwesten Frankreichs, wurde in einer einzigen Woche aus einem heruntergekommenen Wohnhaus ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Und das mit Tempo, Herz und Hirn. Kein Werbegag, kein schöner Schein – sondern ein konkreter, mutiger Schritt gegen die Wohnungsnot und für eine bessere Stadt.
Baustelle mit Bürgerpower
Vom 9. bis 14. Juni 2025 rollten keine Baumaschinen von Großkonzernen an, sondern engagierte Bürgerinnen und Bürger. Dreißig professionelle Handwerkerinnen und Handwerker, unterstützt von rund 70 Mitgliedern der Bürgergenossenschaft „Investir Ensemble Nouvelle-Aquitaine“, machten sich an die Arbeit: 450 Quadratmeter, 14 marode Studios – und am Ende ein komplett saniertes Gebäude, energetisch auf Top-Niveau, mit DPE-Klasse A.
Und das in nur sechs Tagen.
Der Schlüssel zum Erfolg? Präzise Planung, Teamgeist und der Einsatz nachhaltiger Materialien. Anstelle von Styropor und Beton kamen Hanf, Baumwolle und Leinen als Dämmstoffe zum Einsatz. Die Böden bestehen aus recyceltem Kunststoff – klimaschonend, robust und überraschend edel. Das Ziel war klar: minimale Emissionen, maximaler Wohnkomfort.
Gesetzlicher Druck – kreative Antworten
Frankreich macht ernst mit dem Klimaschutz. Seit Anfang 2025 dürfen Wohnungen mit der schlechtesten Energieeffizienzklasse G nicht mehr vermietet werden. Betroffen sind Tausende sogenannte „passoires thermiques“ – energetische Siebe mit riesigem Heizbedarf und miesem Wohnklima.
Die Sanierung in Angoulême ist damit nicht nur ein symbolischer Akt, sondern eine direkte Antwort auf ein drängendes Problem. Statt über fehlende Fördermittel oder aufwendige Genehmigungsverfahren zu klagen, haben die Mitglieder der Genossenschaft gehandelt – finanziell, praktisch und gemeinschaftlich. Das Projekt kostete 650.000 Euro, inklusive Grundstückskauf. Bezahlt wurde aus dem gemeinsamen Topf der Genossenschaft. Mitinvestieren hieß mitanpacken – auch das ist Teil des Modells.
Revolution auf Excel-Basis?
Frédéric Pedro, Gründer der Genossenschaft, hat nach eigenen Angaben „den Code geknackt“. Sein Werkzeug: eine ausgeklügelte Excel-Tabelle, mit der sich Energieeinsparungen punktgenau vorhersagen lassen. Wer weiß, wie der französische Energieausweis DPE funktioniert, kann gezielt Maßnahmen wählen, die maximalen Effekt bringen. Ein mathematischer Hebel, kombiniert mit handwerklicher Präzision – und plötzlich geht alles ganz schnell.
Doch lässt sich dieses Wunderrezept kopieren?
Die Antwort liegt irgendwo zwischen „Ja, klar“ und „Na ja…“. Denn der Erfolg hängt nicht nur vom Rechenmodell ab, sondern von Menschen. Von Bürgermeister:innen, die mitziehen. Von Architekten, die flexibel sind. Und von Dutzenden Helfenden, die bereit sind, ihr Wochenende auf der Couch gegen Schaufel und Schrauber zu tauschen.
Und natürlich von der Frage: Wer zahlt’s?
Baustellen der Zukunft
Trotz aller offenen Fragen bleibt eines unbestreitbar: Dieses Projekt inspiriert.
Es zeigt, dass schnelles, klimagerechtes und bezahlbares Bauen kein Märchen ist. Dass Bürgerbeteiligung mehr sein kann als ein freundlicher Infoabend im Rathaus. Und dass man mit Mut zur Lücke – der Baulücke, der Gesetzeslücke, der Motivationslücke – wirklich etwas bewegen kann.
In einer Zeit, in der sich urbane Transformation oft im Schneckentempo vollzieht, macht Angoulême Tempo. Die Stadt hat nicht auf ein neues Förderprogramm gewartet, sondern ein neues Miteinander geschaffen. Eine Art Nachbarschaft 2.0, die nicht nur ihre Wände neue dämmt, sondern auch ihre sozialen Netze stärkt.
Und Hand aufs Herz: Wer hätte gedacht, dass ein alter Kasten aus den 60ern in weniger als einer Woche zum Symbol für die Stadt der Zukunft werden kann?
Autor: Andreas M. Brucker