Alle Artikel · 21.10.2025 11:44
70 Tage für einen Kompromiss: Frankreichs riskanter Wettlauf um den Haushalt 2026
Der Countdown läuft. Am 14. Oktober 2025 hat die französische Regierung ihren Haushaltsentwurf für 2026 in der Nationalversammlung eingereicht – und ab diesem Tag bleiben genau 70 Tage, um ihn zu verabschieden. Bis spätestens...
Der Countdown läuft. Am 14. Oktober 2025 hat die französische Regierung ihren Haushaltsentwurf für 2026 in der Nationalversammlung eingereicht – und ab diesem Tag bleiben genau 70 Tage, um ihn zu verabschieden. Bis spätestens zum 23. Dezember muss das Parlament ein Ergebnis liefern. Verfehlt es diese Frist, droht der Staat in ein Notregime zu rutschen, das ihn auf sogenannte „services votés“ beschränkt – also auf bereits beschlossene Ausgaben ohne jede politische Gestaltungsmöglichkeit. Was ein politisches Armutszeugnis wäre.
Frankreich steht damit unter enormem Druck: ein Minderheitskabinett, eine Staatsverschuldung von über 115 % des BIP, und ein zunehmend misstrauischer Blick der Ratingagenturen. Das Zeitfenster für einen Kompromiss ist eng – die Fallhöhe hoch.
30 Milliarden Euro Kraftakt – aber woher nehmen?
Das Ziel klingt nüchtern, die Zahlen aber sind gewaltig: Der Staatshaushalt soll das Defizit 2026 auf „unter fünf Prozent“ des BIP drücken, im besten Fall auf 4,7 %. Dafür plant die Regierung Einsparungen und Mehreinnahmen von zusammen 30 Milliarden Euro.
Rund 14 Milliarden sollen über neue oder verlängerte Abgaben hereinkommen – unter anderem durch eine Sondersteuer für Spitzenverdiener und Großunternehmen. Auf der Ausgabenseite stehen 17 Milliarden an Kürzungen: eingefrorene Etats (außer für die Verteidigung), angezogene Sparschrauben bei Beamtengehältern, möglicherweise ein Stopp bei Rentenanpassungen.
Linke Parteien fordern dagegen eine „Zucman-Steuer“ auf sehr große Vermögen. Rechte Abgeordnete sprechen von einem „Steuerhammer“, die Mitte will Kompromisse. Das Klima? Angespannt.
Dazu kommen unpopuläre Vorschläge, die schon wieder einkassiert wurden – etwa die Idee, Feiertage zu streichen. Kein Wunder: Niemand hat Lust, sich als „Premierminister der verlorenen Feiertage“ in die Geschichte einzuschreiben.
Drei Wege zum Kompromiss
1. Lockerung des Sparkurses
Im Finanzministerium rechnet man offenbar schon mit einem Defizit knapp unter fünf Prozent – nicht mehr mit 4,7 %. Diese kleine, aber symbolträchtige Anpassung verschafft der Regierung Luft. Pragmatismus oder Kapitulation? Das hängt vom Blickwinkel ab.
2. Offener Dialog statt 49.3-Durchmarsch
Premierminister Sébastien Lecornu hat angekündigt, auf den umstrittenen Artikel 49.3 zu verzichten, der es erlauben würde, den Haushalt ohne Abstimmung durchzudrücken. Ein demokratisches Signal – aber auch ein riskantes. Denn nun haben alle Fraktionen das Recht, mitzuschreiben. Mehr als 1.800 Änderungsanträge liegen schon auf dem Tisch. Die Debatten werden lang, zäh, emotional.
Doch gerade in dieser Offenheit liegt die Chance auf ein realistisches Ergebnis. Wenn sich niemand radikal durchsetzt, könnte das Parlament einen tragfähigen Mittelweg finden.
3. Klare Prioritäten – aber wer zahlt den Preis?
Unantastbar bleiben die Budgets für Verteidigung, Schuldendienst, Gesundheit und europäische Beiträge. Gespart wird also anderswo – bei Verwaltung, Infrastruktur, Sozialausgaben.
Die entscheidende Frage lautet: Wer trägt die Last?
Höhere Steuern? Weniger Leistungen? Oder das Verschieben von Reformen auf später? Frankreich diskutiert nicht nur über Zahlen, sondern über Fairness.
Frankreich zwischen Pragmatismus und Politiktheater
Die Haushaltsverhandlungen 2026 sind mehr als ein technisches Manöver. Sie zeigen, wie schwer es einem fragmentierten Parlament fällt, sich auf das Notwendige zu einigen.
Auf der einen Seite ein Präsident, der die fiskalische Disziplin beschwört – Frankreich dürfe „kein Jahr ohne Budget“ verbringen, wie Ministerin Amélie de Montchalin warnt. Auf der anderen Seite eine politische Landschaft, die längst keine klaren Mehrheiten mehr kennt.
Ein Paradoxon: Je stärker das Land sparen muss, desto teurer wird jeder politische Kompromiss. Jeder Euro, über den entschieden wird, trägt ein Stück politische Identität.
Ein realistischer Ausblick
Wahrscheinlich wird der Haushalt rechtzeitig verabschiedet, aber deutlich verändert. Das Ziel, bis 2029 wieder auf ein Defizit von 3 % zu kommen, rückt in weite Ferne. Eher wird es auf eine Stabilisierung hinauslaufen – eine Art „atmender Kompromiss“, der alle Seiten unzufrieden, aber das System funktionsfähig hält.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich Frankreichs Politik noch zu gemeinsamen Entscheidungen durchringen kann.
Oder ob der Staat, trotz aller Dringlichkeit, in endlosen Verhandlungen erstarrt.
Autor: Andreas M. Brucker