Alle Artikel · 25.03.2025 05:42
Prozess gegen Gérard Depardieu: Zwischen juristischem Schlagabtausch und feministischem Aufschrei
Der erste Prozesstag im Fall Gérard Depardieu hat kaum begonnen – da herrscht bereits eine hochgespannte Atmosphäre im Pariser Justizpalast. Vor dem Gebäude: wütende Proteste, feministische Parolen und Plakate. Drinnen: juristisches Feuergefecht. Der berühmte...
Der erste Prozesstag im Fall Gérard Depardieu hat kaum begonnen – da herrscht bereits eine hochgespannte Atmosphäre im Pariser Justizpalast. Vor dem Gebäude: wütende Proteste, feministische Parolen und Plakate. Drinnen: juristisches Feuergefecht. Der berühmte Schauspieler, 76 Jahre alt, steht wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe im Anklagestand. Zwei Frauen werfen ihm vor, sie 2021 während der Dreharbeiten zum Film Les Volets verts sexuell belästigt zu haben.
Eine Verteidigung auf Angriffskurs
Gleich zu Beginn macht sein Anwalt Jérémie Assous klar: Dieser Prozess wird kein Spaziergang – und erst recht keine Selbstverständlichkeit. In seinem fast zweistündigen Eingangsplädoyer beantragt er die vollständige Annullierung des Verfahrens. Der Grund? Laut Assous gäbe es gravierende Mängel im Ermittlungsverlauf: Fehlerhafte Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft, ein verfrühter Gewahrsam ohne gründliche Prüfung – und insgesamt eine „Verletzung des strafprozessualen Widerspruchsprinzips“.
Das seien keine bloßen Formfehler, so Assous, sondern „grobe Fehler, die zur Aufhebung des gesamten Verfahrens führen müssen“. Ein juristisches Frontalmanöver – in der Hoffnung, das Verfahren zu kippen, bevor überhaupt über die Vorwürfe selbst gesprochen wird.
„Er ist derb – aber kein Täter“
Assous versucht gleichzeitig, das Bild seines Mandanten in ein anderes Licht zu rücken. Depardieu sei ein direkter, rauer Typ – ein „rabelaisischer“ Charakter mit derb-französischem Humor, der oft missverstanden werde. Aber ein Täter? „Nein“, so der Anwalt kategorisch. „Kein einziger seiner Handlungen lässt sich als sexuelle Aggression einordnen. Er hat nie gestanden – weil er nichts getan hat.“
Eine Verteidigungslinie, die auf Authentizität und Persönlichkeitsprofil setzt – riskant, aber in Depardieus Fall wohl kalkuliert. Denn seine Öffentlichkeit kennt den Schauspieler seit Jahrzehnten als wuchtige, oft überbordende Persönlichkeit. Doch ist dies wirklich ein Schutzschild gegen konkrete Vorwürfe?
Die andere Seite – laut und entschlossen
Vor dem Gerichtssaal machte sich derweil der Protest lautstark Luft. Rund 50 feministische Aktivistinnen versammelten sich zum Prozessauftakt mit Plakaten und Sprechchören wie „Vous en touchez une ? On répond toutes !“ oder „Violences sexistes, justice complice“. Ihre Botschaft: Schluss mit dem Schutz prominenter Männer – und Schluss mit Justizsystemen, die aus ihrer Sicht zu oft auf der Seite der Täter stehen.
Ein Prozess zwischen Verfahrensfragen und Erwartungshaltung
Die Klägerseite will endlich Klartext: „Unsere Hoffnung ist, dass die Sache inhaltlich verhandelt wird und nicht weiter in Formalitäten stecken bleibt“, so die Anwältin einer der beiden Frauen, Carine Durrieu Diebolt. Sie wirft der Verteidigung „eine Strategie der Verzögerung“ vor – mit einem Ziel: den Prozess hinauszuzögern oder gar scheitern zu lassen.
Gérard Depardieu, der in der Vergangenheit bereits mehrfach durch übergriffiges Verhalten Schlagzeilen machte, drohen im Falle einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft und 75.000 Euro Geldstrafe.
Medizinisch verhandlungsfähig – mit Einschränkungen
Ein medizinisches Gutachten hat den Schauspieler für verhandlungsfähig erklärt – mit Auflagen. Die Verhandlung darf pro Tag nicht länger als sechs Stunden dauern, nach drei Stunden ist eine Pause mit Verpflegung vorgeschrieben, dazu etwa alle 15 Minuten eine kurze Auszeit. Der Prozess wird voraussichtlich am Dienstag fortgesetzt.
Was steht wirklich auf dem Spiel?
Nicht nur die Schuld oder Unschuld eines Schauspielers. Sondern auch das Vertrauen in ein Justizsystem, das sensibel, schnell und fair mit Fällen sexueller Gewalt umgehen muss – unabhängig vom gesellschaftlichen Status des Angeklagten. Und auch ein Stück gesellschaftliche Glaubwürdigkeit: Wie geht ein Land, das sich oft als Vorreiter für Frauenrechte sieht, mit prominenten Männern um, gegen die schwere Vorwürfe im Raum stehen?
Die nächsten Verhandlungstage dürften diese Fragen nicht beantworten – aber wir werden sie noch lauter hören.
Von C. Hatty.