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Abonnenten · 22.08.2025 06:43

Seine frei! Wie Paris 2025 das Schwimmen neu erfunden hat - ein Resume

Es ist eine Szene wie aus einem Sommermärchen: Sonnenhungrige tummeln sich am Ufer, Kinder springen quietschend vom Ponton, ein Rentner zieht gemächlich seine Bahnen – mitten in der Seine. Was jahrzehntelang undenkbar war, ist...

Es ist eine Szene wie aus einem Sommermärchen: Sonnenhungrige tummeln sich am Ufer, Kinder springen quietschend vom Ponton, ein Rentner zieht gemächlich seine Bahnen – mitten in der Seine. Was jahrzehntelang undenkbar war, ist im Sommer 2025 Wirklichkeit geworden. Paris hat sich sein Herzstück zurückerobert.

Vom Verbot zur Verlockung

Ein ganzes Jahrhundert lang war die Seine tabu. Kein Planschen, kein Schwimmen, kein Sprung ins kühle Nass. Zu dreckig, zu gefährlich. Jetzt aber: ein fulminantes Comeback. Seit dem 5. Juli 2025 sind drei Pariser Standorte offiziell freigegeben – der Bras Marie im Zentrum, der Bras de Grenelle im 15. Arrondissement und der Quai de Bercy im 12. Arrondissement.

Allein im Juli haben sich dort über 35.000 Menschen ins Wasser gewagt. Und zwischen dem 12. und 14. Juli – dem Nationalfeiertags-Wochenende – waren es stolze 12.000. Wer hätte gedacht, dass Schwimmen in der Seine zum Sommerevent avanciert?

Ein Erbe der Olympischen Spiele

Der Grundstein für diese Wassersensation wurde bereits 2016 gelegt. Mit dem Ziel, die Seine bis zu den Olympischen Spielen 2024 wieder schwimmbar zu machen, investierte die Stadt Paris rund 1,4 Milliarden Euro in ein gewaltiges Entgiftungsprogramm. Eine der zentralen Maßnahmen: der Bau des Rückhaltebeckens von Austerlitz, das bei Regenfällen Abwässer aufnimmt und so verhindert, dass sie ungefiltert in den Fluss gelangen.

Die Olympischen Spiele waren das Schaufenster – nun ist der Pariser Sommer der Showroom. Was mit Triathlon und Freiwasserschwimmen begann, ist zur offenen Einladung an alle geworden.

Eine Frage der Reinheit

Natürlich: Ein Fluss inmitten einer Metropole ist kein chloriertes Schwimmbecken. Damit das Badevergnügen nicht zur Gesundheitsfalle wird, werden täglich Wasserproben genommen. Im Fokus stehen die Konzentrationen von E.-coli-Bakterien und Enterokokken – Indikatoren für hygienische Qualität.

Die gute Nachricht: Meistens stimmen die Werte. Die weniger gute: Nach starken Regenfällen kommt es weiterhin zu Verschmutzungen. Dann schließen die Behörden kurzfristig die Badebereiche – was zeigt, wie empfindlich das Gleichgewicht ist.

Natur, die Regeln macht

Ein Bad in der Seine ist also immer auch ein Bad mit Risiko – oder besser gesagt: mit Respekt vor der Natur. Der Fluss ist launisch, das Wetter unberechenbar. Nicht selten zwingen Gewitter und Starkregen die Stadtverwaltung zu kurzfristigen Badeverboten. Auch während der Olympischen Spiele 2024 mussten Wettkämpfe verschoben werden. Ein Rückfall? Nein. Eher ein realistischer Blick auf das, was urbane Natur bedeutet: Schönheit mit Ansage.

Mehr als nur ein Sprung ins Wasser

Wer jetzt denkt: „Na schön, ein bisschen Nostalgie, sonst nichts“ – weit gefehlt. Die Rückkehr der Seine als Badeort hat eine tiefere Bedeutung. Sie steht für eine neue Beziehung zwischen Stadt und Wasser, zwischen Mensch und Umwelt. Für viele Pariser:innen ist sie ein Symbol der Rückeroberung. Nicht durch Protest, sondern durch Planschvergnügen.

Die bereitgestellten Infrastrukturen – Pontons, Umkleidekabinen, Duschen und Ruhebereiche – sind dabei nicht nur Komfort, sondern Ausdruck eines neuen urbanen Selbstverständnisses. Die Stadt gehört allen – auch im Sommer, auch im Wasser.

Ein Projekt mit Schattenseiten

Und doch: Ganz ungetrübt ist das Vergnügen nicht. Die Nähe zum Schiffsverkehr birgt Risiken, die Wasserqualität bleibt sensibel, die Wartung aufwendig. Wie dauerhaft das Modell „Baden in der Seine“ wirklich ist, wird sich zeigen müssen. Aber das Ziel ist erreicht – und der Wille, es zu erreichen, set Jahren spürbar.

Die neue Pariser Badekultur

Im Grunde geht es um mehr als nur Schwimmen. Es geht um Lebensqualität. Um ein Stück Alltag, das plötzlich wieder denkbar ist. Um die Freude, mitten in der Großstadt in ein echtes Gewässer zu springen – nicht in einen Pool, nicht in eine Illusion, sondern in die Seine.

Eine rhetorische Frage sei erlaubt: Wenn eine Stadt wie Paris es schafft, ihren zentralen Fluss so zurückzugewinnen – was ist dann in anderen Metropolen möglich?

Willkommen im Sommer 2025.

Autor: Andreas M. Brucker

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