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Alle Artikel · 02.09.2025 06:26

Schulstart mit Knall – Frankreichs Bildungssystem am Limit

Es hätte ein Neuanfang sein sollen. Neue Schulhefte, gespitzte Stifte, gespannte Vorfreude. Doch zum Schuljahresbeginn 2025 liegt über vielen französischen Klassenzimmern ein Schatten – aus Protest, Frust und Personalmangel. Die „rentrée scolaire“, traditionell ein...

Es hätte ein Neuanfang sein sollen. Neue Schulhefte, gespitzte Stifte, gespannte Vorfreude. Doch zum Schuljahresbeginn 2025 liegt über vielen französischen Klassenzimmern ein Schatten – aus Protest, Frust und Personalmangel.

Die „rentrée scolaire“, traditionell ein nationales Großereignis in Frankreich, begann in diesem Jahr mit Streiks, Alarmrufen und leer gebliebenen Lehrerzimmern. Während Kinder in neuen Schuhen in die Schulen strömen, stehen viele Erwachsene vor den Schulen – mit Transparenten in der Hand und Wut im Bauch.


Klassen wie Sardinenbüchsen

Im Tarn, einem Departement im Süden des Landes, machten die Probleme gleich am ersten Tag lautstark auf sich aufmerksam. Am Collège Louisa-Paulin in Réalmont weigerten sich Lehrkräfte, ihre Klassen zu betreten. Der Grund: Die Schulverwaltung hatte eine dringend benötigte fünfte 6. Klasse nicht eingerichtet. Die Folge? Mehr als 30 Kinder pro Raum – Lernatmosphäre gleich null.

Und Réalmont ist kein Einzelfall. In Labruguière, im benachbarten Collège de la Montagne Noire, fehlten gleich mehrere Verwaltungs- und Lehrkräfte. „Wir arbeiten im Notbetrieb“, hieß es dort. Nur: Schule ist keine Feuerwehr. Sie soll nicht löschen, sondern bilden.


4.000 Lehrerstellen weniger – und das ausgerechnet jetzt

Doch statt Aufstockung kündigt das Bildungsministerium Streichungen an. Im Haushaltsentwurf für 2025 war die Rede von 4.000 wegfallenden Stellen – vor allem in der Grundschule. Die Begründung klingt auf den ersten Blick plausibel: Sinkende Schülerzahlen. Rund 97.000 Kinder weniger sind 2025 eingeschult worden.

Doch Gewerkschaften sehen das anders. Sie sprechen von einem „mathematischen Trugschluss“. Denn kleinere Jahrgänge bedeuten nicht automatisch weniger Bedarf – im Gegenteil. Sie wären die Chance auf kleinere Klassen, individuellere Betreuung, bessere Förderung. Stattdessen: Rotstift und Kürzungspolitik.

Zugleich leiden Lehrerinnen und Lehrer seit Jahren unter stagnierenden Gehältern, wachsender Bürokratie und schwindender gesellschaftlicher Anerkennung. Seit 2008 sei ihre Kaufkraft spürbar gesunken – kompensiert wurde das bisher nicht.


Die Unsichtbaren: AESH schlagen Alarm

Auch eine andere Gruppe macht mobil – oft übersehen, selten gehört: die AESH. Diese Begleiterinnen und Begleiter unterstützen Schüler:innen mit Behinderungen im Schulalltag. Ohne sie wäre Inklusion bloße Theorie. Doch ihre Arbeitsbedingungen sind prekär: Teilzeitverträge, niedrige Löhne, kaum Perspektiven.

Die Einführung eines neuen „Pôle d’Accompagnement à la Scolarisation“ (PAS) hat die Lage weiter verschärft. Der PAS soll die Koordination verbessern, doch viele AESH fühlen sich übergangen – und ausgebrannt. „Wir sind keine Lückenfüller, sondern Teil des pädagogischen Teams“, lautet ihr Appell.


Streik am Horizont – der 10. September wird zum D-Day

Die Unzufriedenheit wächst – und sie bleibt nicht lokal. Frankreichs Gewerkschaften rufen für den 10. September zu einem landesweiten Streiktag auf. Lehrer:innen, AESH, Eltern und Unterstützer:innen wollen gemeinsam gegen „die Aushöhlung des öffentlichen Bildungswesens“ protestieren.

Die Forderungen sind klar: Stopp der Stellenstreichungen. Bessere Arbeitsbedingungen. Faire Bezahlung. Und – vor allem – eine Bildungspolitik, die nicht nur rechnet, sondern zuhört.


Bildung in Schieflage

All das deutet auf ein tieferliegendes Problem hin: Die französische Schule, einst Stolz der Nation, gerät ins Wanken. Zwischen Reformdruck, Budgetkürzungen und wachsender Heterogenität in den Klassenzimmern verliert das System seine Balance. Inklusion wird versprochen, aber nicht finanziert. Engagement wird gefordert, aber nicht honoriert.

Wie lange kann das gutgehen?

Was passiert, wenn Lehrkräfte aufgeben, bevor die Schüler es tun?


Zeit für einen Richtungswechsel

Der Schulstart 2025 ist mehr als ein holpriger Beginn. Er ist ein Weckruf. Nicht nur für die Regierung, sondern für die gesamte Gesellschaft. Bildung ist keine Kostenstelle – sie ist Fundament und Zukunftsversprechen zugleich.

Frankreich steht an einem Scheideweg: Entweder das Land investiert – in Menschen, Räume, Beziehungen. Oder es riskiert eine Generation, die zwischen Streiks und Sparplänen groß wird.

Es ist Zeit, Schule wieder zu dem zu machen, was sie sein soll: Ein Ort der Möglichkeiten – für alle.

Von C. Hatty

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