À la une · 02.09.2025 07:46
Éric Lombard – der stille Favorit für Bayrous Nachfolge
Frankreich steht eine weitere Regierungsumbildung bevor. Mit dem nahenden Vertrauensvotum im Parlament scheint das Ende von François Bayrou als Premierminister besiegelt. Präsident Emmanuel Macron muss damit abermals eine Schlüsselfigur für seine Regierung bestimmen –...
Frankreich steht eine weitere Regierungsumbildung bevor. Mit dem nahenden Vertrauensvotum im Parlament scheint das Ende von François Bayrou als Premierminister besiegelt. Präsident Emmanuel Macron muss damit abermals eine Schlüsselfigur für seine Regierung bestimmen – und ein Name taucht in den letzten Tagen immer wieder auf: Éric Lombard, Wirtschaftsminister und ehemaliger Manager. Sein Profil als technokratischer Pragmatiker mit Verbindungen zur Linken macht ihn für den Élysée attraktiv.
Ein Premierminister auf Abruf
Das Schicksal François Bayrous ist so gut wie entschieden. Das Vertrauensvotum in der Nationalversammlung am 8. September dürfte er kaum überstehen. Die politische Erosion seines Rückhalts begann schon Wochen zuvor: Die wirtschaftlichen Probleme, der Streit um das Budget 2026 und die scharfen Auseinandersetzungen über Sozial- und Steuerfragen haben den Premierminister zunehmend isoliert – auch innerhalb der Koalition.
Macron muss sich damit erneut auf die Suche nach einer Persönlichkeit machen, die politische Stabilität herstellen kann. Nach Elisabeth Borne und Gabriel Attal war Bayrou bereits der dritte Regierungschef, der in kurzer Zeit scheiterte. Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage nach Kontinuität und Glaubwürdigkeit für den Präsidenten entscheidend.
Ein Ökonom mit politischer Erfahrung
Éric Lombard, Jahrgang 1958, verkörpert auf den ersten Blick eher den Typus des diskreten Technokraten als den des klassischen Parteipolitikers. Nach seinem Abschluss an der renommierten HEC Paris führte ihn seine Karriere zunächst in die Finanzwelt. Er leitete BNP Paribas Cardif, später Generali France, und übernahm 2017 den Posten als Generaldirektor der Caisse des Dépôts – einer mächtigen öffentlichen Finanzinstitution.
Ende 2024 wechselte er in die Regierung und wurde Wirtschaftsminister mit erweiterten Kompetenzen für Industrie- und Digitalpolitik. In dieser Funktion profilierte er sich als nüchterner Verhandler des Staatshaushalts. Beobachter verweisen darauf, dass er den schwierigen Spagat zwischen haushaltspolitischer Strenge und sozialpolitischen Zugeständnissen beherrscht.
Brücken zur Linken
Bemerkenswert ist Lombards politisches Netzwerk. In seiner Jugend stand er der Sozialistischen Partei nahe, bevor er diese vor über zwanzig Jahren verließ. Doch die Kontakte sind geblieben. Persönliche Nähe verbindet ihn mit dem ehemaligen Präsidenten François Hollande und mit Olivier Faure, dem heutigen Vorsitzenden des Parti socialiste.
In Regierungskreisen heißt es, Lombard könne „die Sprache der Linken“ sprechen – eine Fähigkeit, die angesichts der zersplitterten Mehrheitsverhältnisse im Parlament von hohem Wert ist. Anders als viele Vertreter des liberalen Lagers gilt er nicht als unversöhnlicher Gegner klassisch linker Anliegen. Zwar lehnt er eine Rückkehr zur Vermögensteuer und eine Revision der Rentenreform ab, doch schließt er eine stärkere Besteuerung besonders hoher Einkommen nicht aus.
Damit verkörpert er ein seltenes Profil: wirtschaftsnah und reformorientiert, zugleich sozial sensibel. Diese Mischung könnte es ihm erlauben, Brücken zu schlagen, wo ideologische Gräben tiefer geworden sind.
Nähe zum Präsidenten
Für Emmanuel Macron bietet Lombard zudem einen entscheidenden Vorteil: Er garantiert Kontinuität in der ökonomischen Linie. Die Verteidigung der Wettbewerbsfähigkeit, die Anziehung von Investitionen und die Wahrung der fiskalischen Disziplin stehen für den Präsidenten im Zentrum seiner zweiten Amtszeit. Mit einem ehemaligen Bankmanager im Hôtel de Matignon könnte dieser Kurs ohne Reibungsverluste fortgeführt werden.
Anekdotisch wird erzählt, Macron habe Lombard während dessen Segelurlaubs persönlich angerufen, um ihn über künftige Optionen zu unterrichten. Ob diese Geschichte mehr als nur eine taktische Indiskretion ist, bleibt offen. Doch sie zeigt, dass das Staatsoberhaupt den Wirtschaftsminister durchaus im Blick hat.
Politische Kalküle und Widerstände
So überzeugend Lombards Profil erscheinen mag – die Nominierung ist keineswegs sicher. Zum einen existieren Vorbehalte innerhalb des linken Lagers. Teile der Sozialisten fordern Matignon für sich selbst und betrachten einen ehemaligen Parteifreund, der sich seit Jahrzehnten außerhalb der PS-Strukturen bewegt, nicht als legitimen Vertreter.
Zum anderen wird in Paris stets auch mit taktischen Manövern gerechnet. Dass Lombards Name in den Medien kursiert, könnte ebenso dem Ziel dienen, ihn frühzeitig zu „verbrauchen“. Die politischen Rivalen sind zahlreich, und selbst im Umfeld des Präsidenten gibt es Stimmen, die lieber auf erfahrene Parteigrößen wie Bernard Cazeneuve setzen würden.
Schließlich sind auch kritische Fragen zu Lombards ökonomischer Vergangenheit nicht ausgeräumt. Seine Rolle bei Reformen im Steuerbereich, insbesondere in der Debatte um sogenannte „CumCum“-Geschäfte, hat Vorbehalte geweckt. Für die Öffentlichkeit könnte das Bild eines Finanztechnokraten, der nicht aus der klassischen Politik kommt, sowohl Stärke als auch Schwäche zugleich sein.
Ein möglicher Kompromisskandidat
Frankreichs politische Landschaft ist heute geprägt von einer fragmentierten Mitte, einer selbstbewussten Linken und einem starken rechtspopulistischen Lager. Die Suche nach einem Premierminister gleicht damit einem Balanceakt.
Lombard könnte in dieser Lage der Kompromisskandidat sein, den Macron braucht: kein Lautsprecher, sondern ein Manager des politischen Alltags. Sein nüchternes Auftreten, sein Fachwissen und seine Fähigkeit, mit unterschiedlichen Strömungen ins Gespräch zu kommen, könnten das Vertrauen im Parlament erhöhen – zumindest temporär.
Doch ob er die notwendige politische Durchsetzungskraft besitzt, bleibt unklar. Der Élysée muss entscheiden, ob in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen und politischer Polarisierung ein stiller Technokrat die richtige Antwort ist.
Autor: Andreas M. Brucker