Alle Artikel · 07.09.2025 07:06
Goldene Namen gegen das Vergessen: Der Eiffelturm ehrt 72 Wissenschaftlerinnen
Sie waren da. Sie forschten, entwickelten, entdeckten. Und doch – ihre Namen fehlten. 130 Jahre lang. Seit dem Bau der Tour Eiffel im Jahr 1889 zieren 72 Namen männlicher Wissenschaftler den ersten Stock des...
Sie waren da. Sie forschten, entwickelten, entdeckten. Und doch – ihre Namen fehlten.
130 Jahre lang.
Seit dem Bau der Tour Eiffel im Jahr 1889 zieren 72 Namen männlicher Wissenschaftler den ersten Stock des Pariser Wahrzeichens. In goldenen Buchstaben, als Hommage an das männliche Genie der Aufklärung und Moderne. Doch was ist mit den Frauen?
Sie haben nun endlich einen Platz bekommen.
Die Stadt Paris setzt ein historisches Zeichen: Auf der äußeren Brüstung des ersten Stockwerks werden künftig ebenfalls 72 Namen stehen – diesmal von Frauen, die Wissenschaftsgeschichte geschrieben haben. Ihr Beitrag wurde jahrzehntelang ignoriert, verschwiegen, blieb unsichtbar. Jetzt wird er sichtbar. In Gold.
Ein monumentaler Schritt für mehr Sichtbarkeit
Hinter dem Projekt steht eine starke Allianz: die Stadt Paris, die Betreibergesellschaft des Eiffelturms (SETE) und die engagierte Vereinigung Femmes & Sciences. Gemeinsam mit einer eigens gegründeten Expert:innenkommission wurde eine Auswahl jener Frauen getroffen, die künftig den Eiffelturm zieren werden – nach denselben Kriterien, in derselben Typografie, mit demselben Respekt wie ihre männlichen Pendants.
Das Gremium wurde geleitet von der renommierten Astrophysikerin Isabelle Vauglin und Jean-François Martins, dem Präsidenten der SETE. Die Kriterien: herausragende wissenschaftliche Leistungen, eine Lebenszeit zwischen 1789 und heute, bereits verstorben, überwiegend französischer Herkunft. Und natürlich – bislang oft kaum bekannt.
Die späte Ehre für eine große Mathematikerin
Ein Name sticht besonders hervor: Sophie Germain. Ihre mathematischen Forschungen zur Elastizität trugen maßgeblich zur Statik des Eiffelturms bei – und doch fehlte ihr Name auf der ursprünglichen Ehrenliste. Warum? Weil sie eine Frau war.
Sophie Germain steht exemplarisch für ein Phänomen, das Wissenschaftshistoriker:innen als „Matilda-Effekt“ bezeichnen: die systematische Unsichtbarmachung weiblicher Leistungen in der Wissenschaft. Männer wurden gefeiert, Frauen vergessen. Nicht aus Mangel an Verdienst – sondern aus Mangel an Anerkennung.
Goldene Buchstaben als Zeichen der Rehabilitierung
Die neuen Namen werden nicht irgendwo angebracht – sondern prominent über dem bereits existierenden Männerfries. Dieselbe Technik, dieselbe Schriftart, dieselbe Ehrfurcht. Es ist ein kraftvolles visuelles Statement: Diese Frauen gehören nicht nur dazu – sie stehen darüber.
Und das ist mehr als Symbolpolitik. Es ist eine Korrektur. Eine verspätete, aber notwendige Rückeroberung historischen Raums durch jene, die jahrhundertelang ausgeschlossen wurden.
Ein neues Kapitel
Der Begriff „Matrimoine“ – das kulturelle Erbe der Frauen – gewinnt seit einigen Jahren an Bedeutung. In Museen, auf Straßenschildern, in Archiven wird gezielt nach weiblicher Geschichte gesucht. Das Ziel: die einseitige männliche Erzählung durchbrechen und ein umfassenderes Bild unserer Vergangenheit zeichnen.
Die Tour Eiffel wird nun selbst Teil dieser Bewegung. Sie erzählt nicht mehr nur von Technik, Fortschritt und männlichem Erfindergeist. Sie wird zur Bühne weiblicher Intelligenz, Forschungslust und wissenschaftlicher Neugier.
Und ganz nebenbei liefert sie neue Vorbilder für kommende Generationen. Für Mädchen, die sich fragen: Darf ich das auch? Die Antwort hängt bald in goldenen Buchstaben über Paris.
Ein Denkmal wird zum Mahnmal – und zum Aufbruchssignal
Die Geschichte der Wissenschaft ist keine gerade Linie. Sie ist voller Brüche, Lücken – und blinder Flecken. Doch Geschichte lässt sich verändern, zumindest in ihrer Darstellung. Der Eiffelturm zeigt, wie das geht.
Was lange als reine Männerbühne galt, wird nun zum Denkmal einer gerechteren Erinnerungskultur. Und wer weiß – vielleicht folgen bald andere Institutionen diesem Beispiel?
Denn eines ist klar: Das Vergessen war kein Zufall. Es war ein System. Und Systeme lassen sich ändern.
Autor: Andreas M. Brucker