À la une · 18.09.2025 15:20
Frankreich im Ausnahmezustand: Über eine Million Menschen demonstrieren gegen Sparpolitik
Frankreich bebt. Wieder einmal. Am 18. September füllten sich Straßen und Plätze im ganzen Land mit Menschenmassen, die ihrem Unmut über die geplanten Haushaltskürzungen Luft machten. Die Gewerkschaft CGT spricht von mehr als einer...
Frankreich bebt. Wieder einmal. Am 18. September füllten sich Straßen und Plätze im ganzen Land mit Menschenmassen, die ihrem Unmut über die geplanten Haushaltskürzungen Luft machten. Die Gewerkschaft CGT spricht von mehr als einer Million Teilnehmenden, während das Innenministerium bis zum Nachmittag 282.000 Demonstrierende außerhalb von Paris gezählt hat. Zwei Versionen derselben Realität – und ein Zeichen dafür, wie hitzig die Stimmung im Land ist.
Paris als Brennglas
In der Hauptstadt setzte sich der große Protestzug am frühen Nachmittag von der Bastille in Bewegung. Fahnen, Plakate, Sprechchöre – ein buntes, lautes, aber auch angespanntes Bild. Die Demonstration verlief größtenteils friedlich, doch schon kurze Zeit später machten Meldungen über Zusammenstöße in anderen Städten Schlagzeilen.
Gewalt, Tränengas, Bilder mit Sprengkraft
In Lyon geriet die Lage früh aus den Fugen: Ein Journalist von France Télévisions wurde verletzt, ebenso ein Polizist. Maskierte Gruppen provozierten Krawalle, die Polizei reagierte mit Tränengas und Schlagstöcken. Auch in Nantes kam es zu Konfrontationen, die den Protestzug schnell auseinandertrieben. Und in Marseille kursiert inzwischen ein Video, das Empörung auslöst: Ein Polizist tritt eine am Boden liegende Demonstrantin. Szenen wie diese brennen sich ins kollektive Gedächtnis – und schüren noch mehr Wut.
Ein Sicherheitsaufgebot wie seit den Gelbwesten nicht mehr
Die Regierung wollte auf Nummer sicher gehen. 80.000 Polizisten und Gendarmen standen im ganzen Land bereit, dazu 26 gepanzerte Fahrzeuge vom Typ „Centaure“ und zehn Wasserwerfer. Ein martialisches Bild, das Erinnerungen an die Hochphase der „gilets jaunes“-Proteste im Jahr 2019 weckt. Damals wie heute ist die Botschaft klar: Der Staat rechnet mit Eskalation.
Schulen im Ausnahmezustand
Die Klassenzimmer blieben an diesem Donnerstag vielerorts leer. Nach Angaben des Bildungsministeriums legten 17,06 Prozent der Lehrer ihre Arbeit nieder. Bei den Mitarbeitern der Schulverwaltung lag die Quote sogar bei 23,76 Prozent. Der Lehrerverband Snes-FSU kommt auf noch drastischere Zahlen: 45 Prozent Streikbeteiligung im Sekundarbereich. In 23 Gymnasien wurde der Unterricht komplett blockiert, bei weiteren 52 kam es zu Teilsperrungen. Hinter all dem steckt mehr als nur Unzufriedenheit mit Sparmaßnahmen – es ist der Ausdruck einer tiefen Frustration über Arbeitsbedingungen, Gehälter und die Zukunft der öffentlichen Schule.
Zwei Wahrheiten, ein Land in Aufruhr
Während die Regierung die Teilnehmerzahlen herunterspielt und auf die Sicherheitsrisiken verweist, unterstreichen die Gewerkschaften die enorme Beteiligung als Beweis einer breiten Ablehnung der Budgetpolitik. Wer hat recht? Vielleicht beide, vielleicht keiner. Sicher ist nur: Frankreich steht am Beginn einer neuen Protestwelle, deren Ausgang niemand vorhersagen kann.
Denn wo so viele Menschen auf die Straße gehen, steckt mehr dahinter als ein Streit über Zahlen. Es ist ein Kampf um Anerkennung, um soziale Sicherheit, um das Gefühl, gehört zu werden.
Und die Frage, die nun alle umtreibt: Bleibt es bei einem kraftvollen Tag des Protests – oder kündigt sich hier der nächste große Flächenbrand in Frankreich an?
Autor: C.H.