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Alle Artikel · 30.09.2025 10:57

Amazônia im Quai Branly: Wenn indigene Kunst unsere Vorstellungskraft sprengt

Das Musée du Quai Branly in Paris lädt zur Reise ein – nicht mit Koffer und Flugticket, sondern mit Augen, Ohren und offenem Geist. Die neue Ausstellung „Amazônia. Créations et futurs autochtones“ öffnet vom...

Das Musée du Quai Branly in Paris lädt zur Reise ein – nicht mit Koffer und Flugticket, sondern mit Augen, Ohren und offenem Geist. Die neue Ausstellung „Amazônia. Créations et futurs autochtones“ öffnet vom 30. September 2025 bis zum 18. Januar 2026 ihre Pforten und verspricht ein Erlebnis, das weit über klassische Museumspfade hinausgeht.

Denn hier wird nicht die Vergangenheit konserviert, sondern Gegenwart verhandelt – aus der Perspektive derer, die seit Jahrhunderten in und mit dem Amazonas leben.

Keine Klischees, sondern Klang, Farbe, Widerstand

Was sehen wir, wenn wir „Amazonas“ hören? Wahrscheinlich sattes Grün, endlose Flüsse, ein geheimnisvoller Dschungel. Vielleicht auch bedrohliche Bilder von Abholzung, Bränden, Katastrophen. Doch zwischen dieser Faszination und dem entpolitisierten Exotik-Blick klafft eine Lücke – genau die will diese Ausstellung schließen.

Über 200 Werke, darunter traditionelle Objekte, multimediale Installationen, Fotografien und zeitgenössische Kunst, lassen die Kulturen der Amazonasregion lebendig werden. Nicht als Folklore – sondern als Ausdruck von Identität, Widerstand und Visionen.

Im Zentrum: der Dialog zwischen historischem Erbe und heutiger Kreativität. Die Macher:innen betonen: Es geht nicht um das Museum über die Amazonen – sondern um ein Museum mit ihnen.

Der Raum atmet – und erzählt

Die Ausstellung findet in der Galerie Jardin des Museums statt – doch wer ein klassisches Line-up erwartet, wird überrascht. Der Rundgang ist ein immersives Erlebnis, bei dem die Sinne mitspielen: Bilder tanzen im Licht, Stimmen hallen durch den Raum, Körperbemalungen erzählen Geschichten ohne Worte.

Manchmal fühlt es sich an wie ein Ritual, dann wieder wie ein politisches Manifest in Farbe und Form. Alles greift ineinander: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Klang, Stille, Bild. Kultur, Natur, Gesellschaft.

Dieser multisensorische Zugang macht die Ausstellung nicht nur intellektuell erfahrbar – sondern körperlich.

Indigene Stimmen, echte Autorenschaft

Was diese Ausstellung besonders macht: Sie wurde nicht nur über indigene Völker gemacht – sondern mit ihnen. Künstler wie Carlos Jacanamijoy oder Denilson Baniwa tragen nicht nur Werke bei, sondern kuratieren, gestalten, erzählen. Ihre Perspektiven stehen im Zentrum – nicht am Rand.

Am Eröffnungstag diskutierten Künstler, Wissenschaftler und Museumsleute bei einer Gesprächsrunde unter dem Titel „Gibt es indigene Kunst?“ über Machtverhältnisse, künstlerische Kategorien und die Verantwortung europäischer Museen. Keine leichte Kost – aber bitter nötig.

Denn es geht nicht um ästhetisches Wohlgefallen, sondern um kulturelle Gerechtigkeit.

Politik zwischen den Zeilen – und mitten im Raum

Hinter jeder Maske, jeder Fotografie, jeder Tonaufnahme steckt eine Geschichte. Viele davon handeln von Verlust – von Land, Sprache, Lebensweise. Aber mindestens genauso viele erzählen von Überleben, von Anpassung, von neuen Wegen.

Amazônia ist auch ein politisches Statement: gegen die Zerstörung des Regenwalds, gegen das Schweigen über koloniale Kontinuitäten, gegen das Verschwinden indigener Lebenswelten im Lärm der Moderne.

Stattdessen: Sichtbarkeit. Selbstbestimmung. Zukünfte, die nicht vom Westen geträumt, sondern von den Gemeinschaften selbst entworfen werden.

Museum neu gedacht

Diese Ausstellung reiht sich ein in eine Bewegung, die Museen nicht mehr als neutrale Räume versteht, sondern als Orte der Aushandlung. Was gehört in eine Ausstellung? Wer darf erzählen? Wem wird zugehört?

Das Quai Branly beantwortet diese Fragen mit einem kuratorischen Perspektivwechsel – weg vom Objekt, hin zum Subjekt. Nicht mehr „die Anderen“, sondern „Wir – gemeinsam“.

Das ist keine einfache Geste. Aber eine notwendige.

Praktisches für den Besuch

Wer sich auf diese Reise begeben möchte: Die Ausstellung ist täglich von 10:30 bis 19 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet 14 Euro (ermäßigt 11 Euro), am ersten Sonntag des Monats ist er frei.

Und ja – man sollte Zeit mitbringen. Nicht, um alles zu „sehen“, sondern um wirklich einzutauchen.

Denn diese Ausstellung ist keine To-do-Liste für Sightseeing. Sie ist eine Einladung zur Begegnung.

Und wer weiß – vielleicht verlassen wir das Museum mit einem neuen Blick auf die Welt. Oder wenigstens mit einer wichtigen Frage im Gepäck: Wem gehört eigentlich die Geschichte, die wir erzählen?

Autor: Andreas M. Brucker

https://twitter.com/SimonneauxMyria/status/1972768364432175346

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