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Alle Artikel · 07.10.2025 09:27

Ein Dorf teilt sich den Weg – wie Pont-de-Barret das soziale "Car-Sharing" neu erfindet

In den Hügeln der Drôme, dort, wo Lavendel und Kalkstein ein stilles Band über die Täler ziehen, wird Mobilität zum täglichen Balanceakt. Busse fahren selten, Bahnhöfe liegen weit entfernt, und wer kein Auto hat,...

In den Hügeln der Drôme, dort, wo Lavendel und Kalkstein ein stilles Band über die Täler ziehen, wird Mobilität zum täglichen Balanceakt. Busse fahren selten, Bahnhöfe liegen weit entfernt, und wer kein Auto hat, bleibt oft – wortwörtlich – auf der Strecke.
Doch in Pont-de-Barret, einem kleinen Ort am Fluss Roubion, wächst eine Idee, die das ändert: ein Covoiturage mit Herz, ein solidarisches Mobilitätsnetz namens MobiSol 26.

Hier geht es nicht um Kilometer, sondern um Menschen.

Wenn der Bus nicht mehr kommt

Pont-de-Barret zählt nur wenige Hundert Einwohner, verteilt auf gut 16 Quadratkilometer. Wie in vielen ländlichen Regionen der Drôme ist der öffentliche Nahverkehr dort kaum mehr als eine Erinnerung.
Ältere Menschen, Jugendliche ohne Führerschein, Menschen mit geringem Einkommen – sie alle kämpfen mit derselben Frage: Wie komme ich überhaupt von A nach B?

Das Departement Drôme sucht seit Jahren nach Antworten auf genau dieses Dilemma. Eine davon heißt eben MobiSol 26 – ein solidarisches Fahrnetz, das kein Konkurrenzmodell zur Mitfahr-Plattform BlaBlaCar sein will, sondern eine völlig andere Logik verfolgt. Hier geht es um Nähe, Vertrauen und gegenseitige Hilfe.

Kein Algorithmus, sondern Nachbarschaft

Das Prinzip klingt einfach, fast altmodisch.
Menschen, die mobil sind, fahren Menschen, die es nicht sind. Nicht für Profit, sondern aus Solidarität.

Eine Rentnerin muss zum Arzt ins Nachbardorf? Ein Freiwilliger meldet sich, holt sie ab und fährt sie hin – gegen eine kleine Entschädigung von etwa 20 bis 30 Cent pro Kilometer.
Ein junger Arbeitsloser hat ein Bewerbungsgespräch in Dieulefit? Auch dafür findet sich jemand, der ihn begleitet.

Diese Begegnungen entstehen nicht über eine App, sondern über lokale Strukturen – Vereine, Gemeindeverwaltungen, Sozialzentren. Sie koordinieren Fahrten, vermitteln Fahrerinnen und Fahrer, erklären das System und sorgen dafür, dass niemand an der Technik scheitert.
Denn auch das gehört zur Idee: Mobilität darf nicht digital ausschließen.

Eine neue Art von Bewegung

Im Kern unterscheidet MobiSol 26 sich von klassischen Fahrgemeinschaften durch seinen sozialen Charakter. Es geht nicht darum, die Spritkosten zu teilen, sondern darum, Teilhabe zu ermöglichen.

Die Organisatoren sprechen von einem „Transport à visage humain“ – Mobilität mit menschlichem Gesicht.
Und genau das spürt man in den Rückmeldungen der Beteiligten: Viele Fahrer beschreiben das Projekt als „eine Möglichkeit, wieder echten Kontakt zu haben“.
Gerade in Zeiten, in denen Dörfer entvölkert und Nachbarschaften dünner werden, klingt das fast revolutionär.

Pont-de-Barret als Mikrokosmos der Drôme

Offizielle Dokumente des Départements führen Pont-de-Barret bereits unter den Orten mit ausgewiesenen Mitfahrparkplätzen.
Über die Plattform Mobilité Rhône-Alpes ist der Service für die Bewohner zugänglich – ein Hinweis darauf, dass das Projekt auch in diesem Teil der Drôme aktiv ist.
Und: Auf der Plattform BlaBlaCar finden sich täglich rund ein Dutzend Fahrten nach Pont-de-Barret. Das zeigt, dass die Bevölkerung offen für gemeinsames Fahren ist – die Basis also schon vorhanden.

Was MobiSol 26 hinzufügt, ist die soziale Dimension: Statt anonymer Mitfahrt geht es hier um Beziehungen.
Ein Freiwilliger begleitet eine Seniorin nicht nur zum Arzt, sondern wartet auf sie, hilft ihr beim Einsteigen, plaudert ein wenig.
Kleine Gesten, große Wirkung.

Chancen und Grenzen

Dass MobiSol 26 funktioniert, liegt an seiner Einfachheit. Keine App, keine starren Fahrpläne, kein kompliziertes Buchungssystem.
Und es passt sich an – jede Gemeinde kann das Modell mit ihren eigenen Ressourcen umsetzen.

Doch genau darin liegt auch die Herausforderung.
Freiwillige zu finden, bleibt ein permanenter Kraftakt. Die Organisation verlangt Fingerspitzengefühl, verlässliche Koordination, und natürlich Geld – etwa für die Verwaltung, Versicherungen oder Benzinkosten.

Noch trägt sich das Projekt vor allem durch lokale Begeisterung und öffentliche Unterstützung. Damit es dauerhaft bestehen kann, braucht es eine solide Finanzierung durch Landkreis und Region.

Vom Versuch zur Bewegung

Die Pilotphase läuft derzeit in mehreren Gebieten der Drôme: im Norden des Départements, im Diois und in den Baronnies.
Sollten sich die Ergebnisse bewähren, könnte das Modell auf andere Regionen ausgeweitet werden – vielleicht sogar auf ganz Auvergne-Rhône-Alpes.

Langfristig ließe sich MobiSol 26 mit anderen Konzepten verknüpfen: On-Demand-Shuttles, E-Mobilität, Leihfahrräder oder gar ein übergreifendes digitales Mobilitätsnetz für die gesamte Region.
So würde aus einem Dorfdienst ein Baustein einer neuen, gerechten und zugänglichen Mobilitätskultur.

„Man fährt nicht nur – man begegnet sich“

„Ich bringe Madame G. jeden Donnerstag zum Arzt nach Dieulefit. Zehn Kilometer hin, zehn zurück. Wir reden über ihre Katze, über das Wetter, manchmal über gar nichts. Aber jedes Mal bedankt sie sich, als hätte ich ihr den Tag gerettet.“
So beschreibt es Pierre, 63, pensionierter Handwerker und freiwilliger Fahrer bei MobiSol 26.

Ein Satz wie dieser sagt mehr als jedes Konzeptpapier.

Er zeigt, dass dieses Projekt nicht nur Lücken im Verkehrsnetz schließt, sondern Risse im sozialen Gefüge.
Denn Mobilität ist, am Ende, weit mehr als Fortbewegung – sie ist eine Form der Freiheit, des Dabeiseins, des Menschseins.

Ein kleiner Ort, eine große Idee

Pont-de-Barret steht stellvertretend für viele ländliche Gemeinden Europas, die um Anschluss kämpfen – geographisch wie gesellschaftlich.
Was hier entsteht, ist kein High-Tech-Modell, sondern eine leise, zutiefst menschliche Innovation:
Ein Covoiturage, das nicht von Start-ups, sondern von Nachbarn getragen wird.

Und vielleicht beginnt genau hier, zwischen Olivenbäumen und Lavendelfeldern, die wahre Zukunft der Mobilität: solidarisch, lokal, menschlich.

Autor: C. Hatty

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