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À la une · 10.10.2025 21:05

„Tout ça pour ça?“ – Wie Sébastien Lecornu zum Symbol einer politischen Farce wird

Es begann mit einem Paukenschlag. Und endete – genau dort, wo alles angefangen hatte. Innerhalb weniger Tage verwandelte sich die französische Regierung in ein politisches Theaterstück, das seinesgleichen sucht. Hauptrolle: Sébastien Lecornu, 38 Jahre...

Es begann mit einem Paukenschlag. Und endete – genau dort, wo alles angefangen hatte.

Innerhalb weniger Tage verwandelte sich die französische Regierung in ein politisches Theaterstück, das seinesgleichen sucht. Hauptrolle: Sébastien Lecornu, 38 Jahre jung, aufgestiegen aus dem Verteidigungsministerium, ambitioniert, kontrolliert, loyal. Erst berufen, dann gestürzt, am Ende wieder berufen. Frankreich staunt. Europa schüttelt den Kopf.

Was ist da passiert?

Sonntagabend – ein Kabinett, das schon beim Vorlesen zerbricht

Der Sonntag, 5. Oktober 2025, neigte sich dem Ende zu, als Emmanuel Moulin, Generalsekretär des Elysée, mit ernster Miene die 18 Minister des neuen Kabinetts Lecornu verkündet. Eigentlich sollte das endlich Klarheit bringen. Drei Wochen hatte Lecornu sich Zeit genommen, Gespräche geführt, abgewogen – alles mit dem Ziel, ein „stabiles Team“ zu präsentieren. Stattdessen explodiert die Bombe sofort.

Bruno Retailleau, starker Mann der Republikaner und frisch bestätigter Innenminister, tobt. Ohne Vorwarnung taucht in der Liste der Name seines parteiinternen Rivalen Bruno Le Maire auf – ausgerechnet als Verteidigungsminister. Das Misstrauen ist zurück, die Wut groß. Retailleau twittert, versammelt seine Leute. Der Ton wird frostig.

Die Opposition witzelt: „Die gleichen Nasen, das gleiche Chaos.“ Schon ist von einer „Fehlgeburt“ die Rede – der erste Ministerrat ist zwar angesetzt, aber niemand weiß: Wird es ihn überhaupt geben?

Montagmorgen – der Premierminister tritt ab

Um 8:40 Uhr am Montag, dem 6. Oktober, steht Lecornu auf dem Hof des Palais Matignon. Dunkler Anzug, ernste Miene. Die Worte, die er spricht, wiegen schwer: Er tritt zurück. Nach gerade einmal 14 Stunden nach Ernennung der Regierung und weniger als einem Monat im Amt. „Die Bedingungen sind nicht erfüllt“, sagt er. „Es geht nicht um Egos, es geht um das Land.“

Damit geht Lecornu in die Geschichte ein – als Chef des kurzlebigsten Kabinetts der Fünften Republik. Ein Rekord, der eher peinlich als historisch ist. Frankreich staunt. Wieder einmal.

Montagabend – Macron zieht einen Joker

Doch Präsident Macron gibt nicht auf. Im Gegenteil. Am Abend betraut er Lecornu erneut mit einer wichtigen Aufgabe: In drei Tagen soll er eine politische Plattform schaffen, um ein tragfähiges Budget aufzustellen. Eine letzte Mission. Eine letzte Hoffnung.

Im Hintergrund droht der Präsident mit der Keule: eine mögliche Auflösung der Nationalversammlung. „Sich einigen – oder alles fliegt auseinander“, lautet das inoffizielle Motto.

Dienstag – Borne mischt sich ein

Und dann passiert etwas Unerwartetes: Ex-Premierministerin Élisabeth Borne fordert am Abend eine Aussetzung der Rentenreform. Ein Tabubruch. Ein Signal an die Sozialisten, die genau das verlangen, um einer erneuten Regierung nicht im Wege zu stehen.

Doch Borne hat niemanden informiert. Selbst in den eigenen Reihen fragt man sich: War das Rückendeckung – oder Rache?

Mittwochmorgen – das Kartenhaus wackelt

Der nächste Schlag kommt aus Le Havre. Edouard Philippe, Ex-Premier, parteiintern ein Schwergewicht, fordert öffentlich den Rücktritt Macrons und Neuwahlen. Gabriel Attal, Chef der Macron-Partei Renaissance, legt nach: „Ich verstehe den Präsidenten nicht mehr.“

Innerhalb von 48 Stunden hat sich das Zentrum entkernt. Alte Weggefährten wenden sich ab. Und draußen? Draußen wächst die Wut.

Mittwochabend – Lecornu bleibt vage

In der Nachrichtensenung „20 heures“ auf France 2 sitzt Lecornu der Journalistin Léa Salamé gegenüber. Fast sieben Millionen Menschen schauen zu. Die Journalistin ringt mit ihrer Stimme, Lecornu mit klaren Antworten. Er vermeidet Angriffe, bleibt höflich, professionell, einnehmend – aber unkonkret.

Doch sein Auftritt kommt an. Selbst Kritiker loben ihn. „Er hätte ein guter Premierminister sein können“, hört man nun sogar aus dem sozialistischen Lager.

Donnerstag – ein Déjà-vu mit Ansage

Die Gerüchte verdichten sich. Wieder Lecornu? Wieder Matignon? Im politischen Paris macht sich Erschöpfung breit – aber auch Pragmatismus. Wer, wenn nicht er, der alle Gespräche geführt, alle Egos beruhigt, alle Fäden in der Hand hält?

Es gibt Alternativen: ein „technokratisches Kabinett“ aus Experten, abseits politischer Ambitionen. Aber das schmeckt niemandem. „Das wäre wie eine Armee von Klonen“, ätzt ein Republikaner. „Undemokratisch“, sagt eine zurückgetretene Ministerin. Frankreich brauche Politik, kein Management.

Freitagabend – der Kreis schließt sich

Die Einladung zum Krisentreffen mit Macron kommt über Nacht. Aber RN und LFI bleiben draußen – sie fordern wahlweise Macrons Rücktritt oder die Auflösung des Parlaments. Die übrigen Parteien kommen. Der Ton ist respektvoll, aber ernüchtert.

Am Ende bleibt Macron bei seiner Entscheidung: Sébastien Lecornu wird erneut zum Premierminister ernannt. Kurz und knapp teilt der Élysée um 22 Uhr mit: Auftrag zur Regierungsbildung erteilt.

Die Pointe? Es ist dieselbe wie zu Beginn.

„Tout ça pour ça?“, fragt eine Abgeordnete sarkastisch. Und ganz Frankreich fragt mit. Wofür das alles? Für ein Happy End – das sich wie ein Kreisverkehr anfühlt?

Die Antwort kennt nur Emmanuel Macron. Oder vielleicht auch nicht...

Autor: Andreas M. Brucker

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