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Alle Artikel · 20.10.2025 08:24

700 Tote auf der Warteliste – Warum Frankreichs Transplantationssystem am Limit ist

Es ist ein Satz, der aufrüttelt – und der hängen bleibt: „Im Jahr 2024 sind 700 Patienten auf der Warteliste für eine Nierentransplantation gestorben.“ Diese Zahl stammt von der französischen Urologin und Transplantationschirurgin Cécile...

Es ist ein Satz, der aufrüttelt – und der hängen bleibt: „Im Jahr 2024 sind 700 Patienten auf der Warteliste für eine Nierentransplantation gestorben.“ Diese Zahl stammt von der französischen Urologin und Transplantationschirurgin Cécile Champy. Sie hat sie am Welt-Organspendetag öffentlich gemacht. Und sie hat damit einen Nerv getroffen.

Denn so trocken diese Zahl auch klingt, sie steht für 700 Einzelschicksale – für Menschen, die auf ein rettendes Organ gehofft haben. Vergeblich.

Was läuft schief?

Frankreich gehört nicht zu den Ländern mit den schlechtesten Transplantationszahlen. Im Gegenteil: 3.757 Nierentransplantationen wurden 2024 durchgeführt – immerhin 598 davon durch Lebendspenden. Ein Plus von 7,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aber was nutzt ein Anstieg, wenn die Lücke zwischen Bedarf und Angebot weiter so tief klafft?

Über 22.000 Patientinnen und Patienten standen Anfang 2025 auf der französischen Transplantations-Warteliste. Fast 12.000 davon aktiv – das heißt: Sie könnten sofort transplantiert werden, wenn ein geeignetes Organ verfügbar wäre. Bei den meisten geht es dabei um eines: die Niere.

Denn die chronische Niereninsuffizienz nimmt zu. Dialysepatienten werden mehr. Der Bedarf an Nieren steigt – und mit ihm die Zahl derer, die lange warten müssen. Zu lange.

Ein systemisches Dilemma

Warum sterben in einem Land mit ausgebauter Gesundheitsversorgung hunderte Menschen auf der Warteliste? Die Gründe sind vielfältig – aber sie zeigen allesamt strukturelle Schwächen.

Da wäre zum Beispiel der hohe Widerspruch zum Organspendeprinzip: In Frankreich gilt eine Widerspruchslösung. Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich Nein sagt, gilt als potenzieller Spender. Theoretisch. In der Praxis lehnen Angehörige in über 36 Prozent der Fälle eine Organentnahme ab. In manchen Regionen, etwa in der Île-de-France, liegt dieser Anteil sogar bei über 50 Prozent.

Wie passt das zu Umfragen, laut denen 79 Prozent der Französinnen und Franzosen Organspenden befürworten? Ganz einfach: Zustimmung allein reicht nicht. Entscheidend ist, dass Menschen mit ihren Angehörigen über ihre Haltung sprechen. Und genau das tun viele nicht. Die Folge: Im Zweifel sagen Familien aus Unsicherheit Nein – und ein möglicher Spender geht verloren.

Die stille Ungleichheit

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Nicht alle Patient:innen haben die gleichen Chancen auf eine schnelle Transplantation. Je nach Wohnort, Klinik und medizinischem Netzwerk unterscheiden sich die Wartezeiten massiv. Manche Zentren arbeiten effizienter, andere kämpfen mit Personalengpässen oder bürokratischen Hürden.

Für Betroffene ist das frustrierend – und belastend. Denn die Dialyse ersetzt zwar teilweise die Funktion der Niere, ist aber kein echter Ersatz. Jeder Tag an der Maschine zehrt an Körper und Psyche. Und nicht alle schaffen es, die Jahre zu überbrücken, bis endlich ein passendes Organ kommt.

Lebendspende: Ein Hoffnungsschimmer, der kaum genutzt wird

Dabei gäbe es eine Option, die vielen helfen könnte: die Lebendspende. Vor allem bei Nierentransplantationen ist sie medizinisch etabliert, sicher und oft langfristig erfolgreicher als eine postmortale Spende.

Frankreich hat hier aufgeholt – aber das Niveau bleibt niedrig. Nur rund 16 Prozent der Nierentransplantationen 2024 stammen von lebenden Spendern. Zum Vergleich: In den Niederlanden oder Skandinavien ist dieser Anteil deutlich höher.

Woran liegt das? Zum einen an mangelnder Information. Viele wissen nicht, dass sie auch zu Lebzeiten spenden könnten – ohne lebensbedrohliche Risiken. Zum anderen an der Zurückhaltung im familiären Umfeld. Spender zu finden, ist emotional schwer. Und das medizinische System bietet bisher wenig aktive Unterstützung, um solche Spenden zu ermöglichen.

Was jetzt passieren muss

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Und sie fordern eine entschlossene Antwort – auf mehreren Ebenen.

Erstens: Die Organspendebereitschaft muss sich auch im Handeln widerspiegeln. Wer spenden will, muss seine Entscheidung mitteilen – am besten schriftlich und im Gespräch mit der Familie. Nur so lassen sich unnötige Verluste verhindern.

Zweitens: Lebendspenden sollten aktiv gefördert werden. Durch Aufklärung, psychologische Begleitung, logistische Unterstützung – und durch ein Umfeld, das nicht nur Empfänger, sondern auch Spender schützt.

Drittens: Das Transplantationssystem muss fairer werden. Keine Patientin und kein Patient sollte länger warten müssen, nur weil das eigene Krankenhaus überfordert ist oder die Region schlecht vernetzt ist. Einheitliche Standards, bessere Ressourcenverteilung, mehr Transparenz – das wäre ein Anfang.

Und die Politik? Die hat das Thema auf dem Radar. Ein nationaler „Plan Greffe“ wurde zwar aufgelegt – aber seine Wirkung bleibt begrenzt. Was fehlt, ist ein echter Ruck. Eine gesellschaftliche Bewegung. Denn Organspende ist kein medizinisches Randthema. Sie betrifft uns alle – als potenzielle Spender, Empfänger oder Angehörige.

Eine Frage bleibt:

Wie viele Tote auf der Warteliste braucht es noch, bis wir handeln?

Autor: Andreas M. B.

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