Alle Artikel · 27.10.2025 10:17
700.000 Menschen ohne Papiere in Frankreich? Was hinter dieser Zahl steckt
Erst waren es 200.000 bis 300.000, dann plötzlich 700.000: Als Laurent Nuñez, der ehemalige Pariser Polizeipräfekt und neue Innenminister, Ende Oktober 2025 auf zwei großen französischen Nachrichtensendern über die Zahl der Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung...
Erst waren es 200.000 bis 300.000, dann plötzlich 700.000: Als Laurent Nuñez, der ehemalige Pariser Polizeipräfekt und neue Innenminister, Ende Oktober 2025 auf zwei großen französischen Nachrichtensendern über die Zahl der Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich sprach, sorgte er für Verwirrung. Woher stammt diese hohe Zahl – und ist sie überhaupt realistisch?
Denn eines steht fest: Wer keinen legalen Aufenthaltsstatus hat, wird statistisch nicht erfasst. Der französische Staat führt kein Register über Menschen ohne Papiere. Wie also lässt sich ihre Zahl überhaupt schätzen?
Unsichtbare Realität
Der einzige halbwegs belastbare Anhaltspunkt ist ein unscheinbares, aber bedeutendes Sozialhilfesystem: die Aide médicale d’État, kurz AME – eine staatliche medizinische Hilfe für Menschen in prekären Verhältnissen ohne Aufenthaltspapiere. Voraussetzung für den Bezug: Man muss seit mindestens drei Monaten in Frankreich leben und über geringe Einkünfte verfügen.
Ende 2024 bezogen rund 465.000 Menschen diese Leistung.
Doch was auf den ersten Blick nach einer soliden Zahl aussieht, ist nur ein Teil des Bildes. Denn die AME erfasst auch Menschen, die gar nicht als „irregulär“ gelten – etwa minderjährige Angehörige der Versicherten. Gleichzeitig tauchen viele, die Anspruch hätten, gar nicht erst in den Statistiken auf.
Die Mathematik der Unsichtbaren
Wie also kommt man von 465.000 auf 700.000? Zwei einfache Rechenschritte bringen Licht ins Dunkel.
Erstens: Von den registrierten AME-Empfängern sind etwa 100.000 minderjährig. Sie sind zwar formal erfasst, gelten aber nicht als eigenständige „Personen ohne Aufenthaltsstatus“. Zieht man sie ab, bleiben 365.000 Erwachsene mit potenziell irregulärem Status.
Zweitens: Nicht alle Anspruchsberechtigten nehmen die AME überhaupt in Anspruch. Warum? Aus Unwissenheit, Angst vor Behördenkontakt oder bürokratischen Hürden. Studien zufolge beantragt nur etwa die Hälfte der Berechtigten die Leistung tatsächlich.
Wenn also 365.000 Personen die AME beziehen und das nur etwa 50 % der Berechtigten sind, dann liegt die realistische Zahl der „sans-papiers“ in Frankreich irgendwo zwischen 600.000 und 900.000.
Die Schätzung von 700.000? Ein durchaus plausibler Mittelwert.
Ein fließender Zustand
Diese Zahl ist jedoch kein Fixwert. Sie beschreibt lediglich einen momentanen Zustand – eine Momentaufnahme eines beweglichen Phänomens. Menschen ohne Aufenthaltspapiere kommen nach Frankreich, andere verlassen das Land wieder oder werden abgeschoben. Einige erhalten im Laufe der Zeit einen legalen Status – etwa über die sogenannte „admission exceptionnelle au séjour“, eine Ausnahmeregelung zur Aufenthaltsgewährung.
Auch das Asylsystem spielt eine Rolle: Wer einen Antrag stellt, befindet sich in einer Art Schwebezustand, ist oft weder offiziell „legal“ noch endgültig „irregulär“. Kommt noch hinzu: Personen, die sich erst seit kurzer Zeit im Land befinden, haben keinen Anspruch auf AME – selbst wenn sie faktisch ohne Papiere leben. In Notfällen greift für sie lediglich das System der „soins urgents“, also medizinische Soforthilfe. Auch sie tauchen in keiner Statistik auf.
Die stille Masse
Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Die Zahl der Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus in Frankreich ist hoch – wahrscheinlich höher als die meisten vermuten. Doch sie ist auch eine statistische Grauzone, ein Puzzle aus indirekten Hinweisen, unscharfen Kriterien und ständigem Wandel.
Was bedeutet das für die politische Debatte?
Vielleicht ist es an der Zeit, weniger auf die absolute Zahl zu starren – und stattdessen genauer hinzuschauen, wer hinter diesen Zahlen steht. Familien, Kinder, Arbeitskräfte, Schutzsuchende – Menschen mit Geschichten, nicht bloß mit einem Migrationsstatus.
Denn die Frage, wie viele es sind, lässt sich beantworten.
Aber die Frage, wie man mit ihnen umgeht – die bleibt offen.
Autor: Andreas M. B.