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Alle Artikel · 02.11.2025 09:38

Gestorben für ein Like: Wenn aus Mutproben tödlicher Wahnsinn wird

Am Anfang stand ein vermeintlicher Spaß – ein harmloser Adrenalinkick unter Freunden. Doch für Macéo, 14 Jahre alt, endete dieser Ausflug in den Tod. In den Fluten der Durance nahe Briançon, einer ruhigen Bergstadt...

Am Anfang stand ein vermeintlicher Spaß – ein harmloser Adrenalinkick unter Freunden. Doch für Macéo, 14 Jahre alt, endete dieser Ausflug in den Tod. In den Fluten der Durance nahe Briançon, einer ruhigen Bergstadt in den französischen Alpen, wurde sein lebloser Körper geborgen. Der Grund: ein gefährlicher Trend aus den sozialen Netzwerken, bei dem Jugendliche sich auf Matratzen oder Bettgestelle binden lassen, um sich dann von einem Auto über Straßen, Schnee oder Sand ziehen zu lassen.

Dieses sogenannte „Car Surfing“ ist kein neues Phänomen. In den USA und Großbritannien ist es seit Jahren als riskante Mutprobe unter Jugendlichen bekannt. Doch mit der rasanten Verbreitung über Plattformen wie TikTok oder Instagram hat der Trend eine neue Dimension erreicht – und nun auch Frankreich.

Macéo wurde bei Einbruch der Dunkelheit auf eine alte Matratze geschnallt, befestigt an einem Fahrzeug, das ihn durch die Kurven von Briançon ziehen sollte. Eine Szene, wie sie in unzähligen Online-Videos inszeniert wird – mit Lachen, Mut und Stolz auf die eigene „Challenge“. Doch als der Wagen wendete, verlor Macéo den Halt. Er stürzte in den reißenden Fluss. Die Strömung trug ihn fast zwei Kilometer fort. Erst am nächsten Morgen fand man seinen Körper. Die Autopsie bestätigte: Er ertrank.

Der Fahrer des Wagens, offenbar ein Bekannter, stand weder unter Drogen noch Alkohol. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung. Der Jugendliche war 14 – alt genug, um sich auf Social Media zu bewegen, aber jung genug, um die tödliche Tragweite solcher „Spiele“ nicht voll zu erfassen.

Vor Ort sitzt der Schock tief. Blumen schmücken ein kleines Brückengeländer. Dort, wo der Junge aus dem Leben gerissen wurde. Briançons Bürgermeister Arnaud Murgia findet klare Worte: „Wir sind hier an Naturgefahren gewöhnt – Lawinen, Felsstürze, Winterunfälle. Aber dass ein Kind wegen eines Spiels stirbt, das ist unfassbar.“ In den sozialen Netzwerken geht die Diskussion weiter – und sie muss geführt werden.

Denn was da passiert, ist mehr als ein tragischer Unfall. Es ist ein Spiegelbild unserer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur digitalen Währung geworden ist. Wo Mutproben nicht mehr nur auf Schulhöfen ausgetragen, sondern für ein Millionenpublikum in Szene gesetzt werden. Likes ersetzen Applaus – und manchmal Vernunft.

Der Druck auf Kinder und Jugendliche steigt. Wer dazugehören will, muss mitmachen. Wer viral gehen will, muss Risiken eingehen. Wer aufhört zu posten, existiert in manchen Peer-Gruppen kaum noch. Es ist ein toxisches Spiel mit der Sichtbarkeit – und oft auch mit der eigenen Unversehrtheit.

Justine Atlan von der Kinderschutzorganisation „e-Enfance“ warnt eindringlich: „Wir müssen mit den Jugendlichen reden. Nicht von oben herab, sondern ehrlich. Erklären, was hinter diesen Trends steckt. Warum sie gefährlich sind. Und warum es okay ist, Nein zu sagen.“ Sie fordert Plattformen auf, solche Inhalte sofort zu löschen – bevor sie sich weiterverbreiten.

Aber löschen allein reicht nicht. Eltern, Lehrer, Betreuer – sie alle stehen in der Verantwortung. Kinder und Jugendliche brauchen keine zusätzlichen Appelle, sondern echte Gespräche. Und Vorbilder, die nicht auf Klicks setzen, sondern auf Werte.

Vielleicht, so makaber es klingen mag, hätte Macéos Tod verhindert werden können. Hätte einer in der Gruppe gezögert. Hätte jemand den Mut gehabt zu sagen: „Lass es.“ Aber im Moment des Geschehens war der Sog der Gruppe, der Reiz des Nervenkitzels, der digitale Applaus – all das zu stark.

Es bleibt die Frage: Wie viele Kinder müssen noch sterben, bevor wir begreifen, dass digitale Trends reale Konsequenzen haben?

Autor: C.H.

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