Alle Artikel · 13.11.2025 07:33
Abschied von einem Wahrzeichen: In Reims wird aus den Galeries Lafayette ein Shein-Store
Das Kaufhaus an der Rue de Vesle in Reims war mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Es war ein Symbol. Ein Fixpunkt in der Innenstadt, ein Stück Geschichte. Jetzt verschwindet der Name „Galeries...
Das Kaufhaus an der Rue de Vesle in Reims war mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Es war ein Symbol. Ein Fixpunkt in der Innenstadt, ein Stück Geschichte. Jetzt verschwindet der Name „Galeries Lafayette“ von der Fassade – und mit ihm ein Kapitel französischer Konsumkultur.
Was folgt, ist nichts weniger als ein Bruch mit der Tradition: Die chinesisch-singapurische Fast-Fashion-Marke Shein zieht ein. Für viele klingt das nach einem massiven Kulturwandel. Für andere nach einer ökonomischen Notwendigkeit.
Strategischer Bruch: SGM trennt sich von Galeries Lafayette
Was wie ein plötzlicher Kurswechsel wirkt, war lange vorbereitet. Die Société des Grands Magasins (SGM) hatte 2022 sieben Filialen der Galeries Lafayette übernommen – darunter Reims, Dijon, Grenoble und in weiteren Städten. Nun endet die Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen französischen Warenhaus. Der Grund: SGM will die Flächen anders nutzen. Im Zentrum steht die Partnerschaft mit Shein.
Galeries Lafayette, als Franchisegeberin, reagierte prompt. Der Deal mit Shein widerspreche ihren Markenwerten, heißt es. Und tatsächlich: Eleganz, Qualitätsanspruch und Modebewusstsein prallen hier auf den grellen Pragmatismus der Ultra-Fast-Fashion.
Shein als neuer Platzhirsch – und das Unbehagen wächst
Am 18. November soll in Reims die neue Shein-Filiale eröffnen. Ein Datum, das viele lokale Einzelhändler mit Stirnrunzeln erwarten. Vincent Mansencal, Präsident der Handelsvereinigung „Les Vitrines de Reims“, spricht von einem „terriblen Effekt“ auf die Frequenz und Umsätze kleiner Textilhändler. Die Angst: Wer günstiger, schneller und schriller ist, verdrängt allmählich das, was bisher Vielfalt und Qualität ausmachte.
Und tatsächlich ist die Kritik nicht neu: Intransparente Produktionsketten, Dumpingpreise, zweifelhafte Arbeitsbedingungen. Der Ruf eilt Shein voraus – weltweit.
Doch es gibt auch andere Stimmen. In Grenoble etwa wird Sheins Einzug teilweise als Chance gesehen – für neue Kundschaft, für frischen Schwung in einer teils ausgedünnten Innenstadt. Ist das also der Preis, den Innenstädte zahlen müssen, um nicht weiter zu veröden?
Was geht verloren, was kommt?
Mit dem Abschied der Galeries Lafayette geht ein vertrautes Stadtbild verloren. Die Parfümabteilung am Eingang, die schicke Mode im ersten Stock, das durchdesignte Schaufenster – all das war ein Stück französische Warenhausromantik. Stattdessen: Logowände, LED-Leisten, flackernde TikTok-Ästhetik.
SGM betont, man wolle jüngere Kundschaft ansprechen und die Stadtzentren beleben. Aber ist das auch nachhaltig? Oder ist es eine Wette auf schnellen Profit, die in ein paar Jahren in leerstehenden Flächen endet?
Fragen stellen sich zuhauf: Bleiben andere lokale Anbieter im Gebäude erhalten oder werden sie verdrängt? Wie reagiert die Kundschaft – mit Begeisterung, Gleichgültigkeit oder Boykott? Und was bedeutet das für die Identität der Innenstadt?
Ein Balanceakt zwischen Wandel und Verlust
In Reims verdichtet sich ein Trend, der in vielen französischen Städten um sich greift: Der Einzelhandel sortiert sich neu. Doch nicht jeder Wandel ist ein Fortschritt. Gerade in Reims, einer Stadt mit reicher Art-Déco-Architektur und historischem Erbe, wirkt die neue Ära wie ein Stilbruch.
Man könnte sagen: Die Sheinisierung der Innenstadt steht exemplarisch für einen globalisierten Konsumdruck, der nicht fragt, was war – sondern nur, was geht.
Gleichzeitig darf man die Realität nicht ignorieren: Viele Kaufhäuser kämpfen ums Überleben, viele Städte um Attraktivität. Wer heute noch die Mieten für zentrale Lagen zahlt, sitzt am längeren Hebel. Shein tut es. Galeries Lafayette offenbar nicht mehr.
Chancen? Risiken? Beides.
Ob Shein in Reims langfristig Wurzeln schlägt oder zum Symbol für kurzfristigen Hype wird, wird sich zeigen. Klar ist: Die Stadt steht an einem Wendepunkt.
Vielleicht ist es auch eine Gelegenheit für die lokale Politik, neue Spielräume zu schaffen – für mehr Vielfalt, für transparente Standards, für einen fairen Wettbewerb.
Denn eine Innenstadt lebt nicht nur von Frequenz, sondern von Charakter. Und Charakter kann man nicht importieren – der muss wachsen.
Autor: C.H.