Abonnenten · 14.08.2025 06:56
Airbnb erobert das Departement Vosges – und verdrängt die Hotels
Die Vogesen, einst eine Hochburg gemütlicher Landhotels und familiär geführter Pensionen, erleben derzeit einen stillen, aber tiefgreifenden Wandel. Immer häufiger nächtigen Reisende nicht mehr im Doppelzimmer mit Frühstücksbuffet, sondern in privaten Ferienwohnungen, Chalets oder...
Die Vogesen, einst eine Hochburg gemütlicher Landhotels und familiär geführter Pensionen, erleben derzeit einen stillen, aber tiefgreifenden Wandel. Immer häufiger nächtigen Reisende nicht mehr im Doppelzimmer mit Frühstücksbuffet, sondern in privaten Ferienwohnungen, Chalets oder sogar umgebauten Scheunen – gebucht mit wenigen Klicks über Airbnb.
Und die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Erstmals übertreffen die gebuchten Nächte in Kurzzeitvermietungen die Übernachtungen in traditionellen Hotels.
Ein Boom, der nachhallt
Seit der Corona-Pandemie hat sich das Reiseverhalten spürbar verschoben. Die Vogesen – mit ihren klaren Seen, stillen Wäldern und charmanten Dörfern – profitierten von der Sehnsucht vieler Menschen nach naturnahen, individuellen Urlaubserlebnissen.
In Orten wie Xonrupt-Longemer erzielen Airbnb-Vermieter inzwischen ein mittleres Jahreseinkommen von über 23.000 Euro, bei einer durchschnittlichen Auslastung von 40,6 Prozent. Auch in Saint-Dié-des-Vosges ist der Trend sichtbar: Rund 150 Unterkünfte stehen dort allein über diese Plattform zur Verfügung – vom günstigen Studio bis zum luxuriösen Landhaus.
Hotels geraten unter Druck
Für viele Hoteliers ist diese Entwicklung ein Balanceakt zwischen Anpassung und Existenzsicherung. Die klassischen Vorzüge – tägliche Zimmerreinigung, Frühstück, Rezeption – geraten ins Hintertreffen gegenüber der Flexibilität, Authentizität und oft auch günstigeren Preisen von privaten Vermietungen.
Reisende schätzen es, in einer alten Bauernstube zu frühstücken, selbst zu kochen oder einen Garten ganz für sich zu haben. Manche Hoteliers versuchen gegenzusteuern, indem sie zusätzliche Services anbieten oder ihre Häuser zu Boutiquehotels umgestalten. Doch der Wettbewerb ist hart – und unbarmherzig.
Chancen und Schattenseiten für die Region
Auf den ersten Blick scheinen die Vorzüge klar verteilt: Private Vermieter freuen sich über Zusatzeinnahmen, Touristen über größere Auswahl und Individualität. Doch die Kehrseite ist spürbar.
Ein wachsender Teil des Wohnraums wird für Kurzzeitgäste blockiert, die Mieten steigen, und junge Familien finden immer schwerer langfristige Wohnungen. In manchen Dörfern führt das dazu, dass sich die Bevölkerungsstruktur sichtbar verändert – weniger Kinderlachen auf den Straßen, mehr rollende Koffer am Wochenende.
Die Gefahr: Die Region könnte ihren eigenen Charakter verlieren, wenn der Tourismus nicht in Balance gehalten wird.
Regulieren oder laufen lassen?
Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Airbnb verträgt ein Dorf?
Einige Gemeinden denken bereits über Beschränkungen nach – etwa über Obergrenzen für Ferienwohnungen, spezielle Tourismusabgaben oder steuerliche Anreize für langfristige Vermietungen. Ziel ist es, den wirtschaftlichen Aufschwung durch Touristen zu nutzen, ohne das soziale Gefüge zu gefährden.
Klar ist: Ein wild wachsender Markt ohne Steuerung kann schnell aus dem Ruder laufen. Andererseits – wer möchte schon den wirtschaftlichen Motor abwürgen, der in strukturschwachen Regionen neue Chancen schafft?
Ein neues Gleichgewicht finden
Der Tourismus in den Vogesen steht an einem Scheideweg. Airbnb & Co. werden nicht verschwinden, dafür sind die Vorteile für Gastgeber und Gäste zu groß. Aber ohne einen klaren Rahmen droht der Trend, die Lebensqualität der Einheimischen zu beeinträchtigen.
Vielleicht liegt die Lösung in einer Mischung: kontrollierte Vermietung, Förderung kleiner Hotels, Investitionen in nachhaltige Infrastruktur. So könnten Einheimische und Gäste gleichermaßen profitieren – und die Vogesen blieben, was sie immer waren: ein Ort zum Durchatmen.
Autor: Daniel Ivers