À la une · 26.03.2025 06:35
Annäherung im Schatten des Krieges: Neue Gesprächsdynamik zwischen Russland und der Ukraine
Seit mehr als drei Jahren dauert der Krieg in der Ukraine an. Die Frontlinien haben sich seit Monaten kaum verschoben, der Konflikt ist in vielerlei Hinsicht erstarrt – militärisch wie diplomatisch. Umso bemerkenswerter ist...
Seit mehr als drei Jahren dauert der Krieg in der Ukraine an. Die Frontlinien haben sich seit Monaten kaum verschoben, der Konflikt ist in vielerlei Hinsicht erstarrt – militärisch wie diplomatisch. Umso bemerkenswerter ist die Entwicklung, die sich in den vergangenen Tagen in Riad, Saudi-Arabien, vollzogen hat: Erstmals seit Monaten haben die Vereinigten Staaten parallel mit Delegationen aus Moskau und Kiew verhandelt – mit dem Ergebnis einer prinzipiellen Übereinkunft zur teilweisen Waffenruhe.
Das Abkommen betrifft zunächst die Schwarzmeerregion, wo russische und ukrainische Streitkräfte seit Monaten um die Kontrolle wichtiger Seewege und Hafenstädte ringen. Gleichzeitig soll ein Moratorium für Angriffe auf Energieinfrastrukturen beider Seiten gelten. Es sind begrenzte Schritte – doch sie markieren einen bemerkenswerten diplomatischen Durchbruch in einem sonst festgefahrenen Konflikt.
Ein diplomatischer Balanceakt
Die Gespräche in Riad fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dabei verfolgten die Vereinigten Staaten eine bewährte Methode der Konfliktvermittlung: die sogenannte Shuttle-Diplomatie. US-Diplomaten trafen sich zunächst mit russischen Unterhändlern, am Folgetag mit der ukrainischen Delegation. Ziel war es, auszuloten, wo beiderseits die Bereitschaft zu Zugeständnissen besteht – ohne die beiden Konfliktparteien direkt an einen Tisch zu bringen.
Das nun erzielte Ergebnis – eine begrenzte Feuerpause im Schwarzen Meer – beruht auf einem wechselseitigen Interesse. Für Russland bedeutet sie eine Entlastung an einer weniger kriegsentscheidenden Front, bei gleichzeitigem Erhalt strategischer Positionen. Für die Ukraine geht es darum, kritische Exportwege, etwa für Getreide und Metall, wieder sicherer zu machen. Beide Seiten profitieren zudem von einem Waffenstillstand im Bereich der Energieinfrastruktur, deren wiederholte Angriffe seit dem Winter 2022 Millionen Menschen in Dunkelheit und Kälte gestürzt haben.
Zögerliches Einverständnis in Kiew
Die ukrainische Regierung bestätigte umgehend die grundsätzliche Zustimmung zu den durch die USA vermittelten Vorschlägen. Gleichzeitig betonte sie, dass „weitere Konsultationen“ notwendig seien, um „Details“ zu klären. Damit ist nicht nur der Zeitpunkt der Umsetzung gemeint – sondern auch deren konkrete Modalitäten. Wie etwa soll sichergestellt werden, dass russische Marinebewegungen im Schwarzen Meer nicht gegen die Vereinbarungen verstoßen? Welche Sanktionen drohen bei Zuwiderhandlungen?
Kiew bleibt misstrauisch – auch, weil frühere Absprachen, etwa im Rahmen des Getreideabkommens, wiederholt unterlaufen wurden. Die ukrainische Führung fordert daher internationale Garantien, möglichst unter dem Dach der Vereinten Nationen, um die Einhaltung der Vereinbarungen überprüfen zu können. Auch die Frage, ob russische Schiffe künftig die Route über den Bosporus wieder häufiger nutzen dürfen, wird Gegenstand weiterer Gespräche sein.
Moskau zeigt sich offen – unter Bedingungen
Russland wiederum hat Interesse signalisiert, die Gespräche fortzuführen – allerdings unter Einbeziehung der Vereinten Nationen und ausgewählter Drittstaaten. Moskau versucht damit, die Gesprächsplattform breiter abzustützen und sich aus der Isolation zu lösen, in der es sich seit Kriegsbeginn international zunehmend befindet. Gleichzeitig nutzt der Kreml die Atempause, um seine militärischen Ziele an anderen Frontabschnitten – etwa nahe der Grenze zur russischen Region Kursk – weiter zu verfolgen. Präsident Putin zeigte bislang kein Interesse an einem generellen Waffenstillstand, solange die russischen Truppen ihre strategischen Ziele nicht erreicht haben.
Zudem versucht Russland, die Teilvereinbarung als Zeichen eigener Kompromissbereitschaft zu verkaufen, ohne dabei grundsätzliche Konzessionen machen zu müssen. Die innenpolitische Botschaft lautet: Moskau agiert verantwortungsvoll und schützt die eigene Bevölkerung – insbesondere vor dem Hintergrund westlicher Luftwaffenlieferungen an die Ukraine.
Europäische Perspektiven und Sicherheitsgarantien
Parallel zu den Gesprächen in Riad wird in Europa an einer politischen Flankierung der Vereinbarungen gearbeitet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfängt am heutigen Mittwoch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Paris, um sich über die nächsten Schritte auszutauschen. Am darauffolgenden Tag beraten Vertreter der sogenannten „Koalition der Willigen“ – darunter Frankreich, Großbritannien, Polen und die baltischen Staaten – über zusätzliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine im Falle einer Waffenruhe.
Ziel ist es, eine verbindliche Zusicherung zu erarbeiten, dass die territoriale Integrität der Ukraine auch ohne NATO-Beitritt gewahrt bleibt. Hierzu gehören unter anderem Aufklärungsmissionen, finanzielle Unterstützung beim Wiederaufbau kritischer Infrastruktur sowie die Stationierung von militärischem Gerät zur Abschreckung weiterer Angriffe. Ob und in welchem Umfang diese Maßnahmen von allen Koalitionspartnern mitgetragen werden, bleibt jedoch offen.
Zaghafte Entspannung – mit Vorbehalt
Trotz der prinzipiellen Fortschritte ist eine umfassende Entspannung des Konflikts noch nicht in Sicht. Die Kampfhandlungen im Osten der Ukraine gehen weiter, und auch auf politischer Ebene bleiben die Gräben tief. Die Gespräche in Riad markieren dennoch eine wichtige Zäsur: Erstmals seit Monaten sind beide Seiten bereit, konkrete Vereinbarungen zu treffen – auch wenn sie nur Teilaspekte des Konflikts betreffen.
Es bleibt abzuwarten, ob daraus eine breitere Verhandlungsperspektive erwächst. Die bisherigen Erfahrungen mit russischen Verhandlungstaktiken – oft geprägt von Zeitgewinn und strategischer Irreführung – mahnen zur Vorsicht. Für die Ukraine wiederum stellt sich die Herausforderung, Zugeständnisse zu machen, ohne dabei die eigene Position langfristig zu schwächen.
Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Sollte es gelingen, die nun erzielten Teilerfolge zu festigen und schrittweise auszubauen, könnte dies den Weg ebnen für weiterreichende Vereinbarungen. Doch ebenso gut ist vorstellbar, dass die Waffenruhe im Schwarzen Meer nur ein kurzes Intermezzo bleibt – in einem Krieg, der längst zur Bewährungsprobe für die internationale Ordnung geworden ist.
Von Andreas Brucker