À la une · 23.03.2025 12:36
„Antisemitismus ist ein Gift“ – Frankreichs Regierung unter Handlungsdruck nach Angriff auf Rabbiner
Am Samstag, dem 22. März 2025, wurde der Rabbiner Arié Engelberg in Orléans Opfer eines brutalen Angriffs, was weit über die Grenzen der Stadt hinaus Bestürzung auslöste. Der Vorfall, der sich in unmittelbarer Nähe...
Am Samstag, dem 22. März 2025, wurde der Rabbiner Arié Engelberg in Orléans Opfer eines brutalen Angriffs, was weit über die Grenzen der Stadt hinaus Bestürzung auslöste. Der Vorfall, der sich in unmittelbarer Nähe zur Synagoge ereignete, stellt nicht nur einen weiteren erschreckenden Fall von Hasskriminalität dar, sondern bringt auch die französische Regierung in eine Lage, in der Worte nicht mehr ausreichen. Präsident Emmanuel Macron und Justizminister Gérald Darmanin reagierten umgehend – und schärfer als bei vergleichbaren Vorfällen der Vergangenheit. Ihre Reaktionen lassen erkennen, wie ernst Paris die Lage inzwischen nimmt.
Ein Angriff mit symbolischer Sprengkraft
Rabbiner Engelberg war am frühen Morgen auf dem Weg zur Synagoge, als er von einem Mann attackiert wurde, der ihn zunächst antisemitisch beschimpfte und dann mit einem Messer schwer verletzte. Auch sein Sohn, der versuchte einzugreifen, erlitt Verletzungen. Beide überlebten, befinden sich aber weiterhin in medizinischer Behandlung.
Der Täter, ein 27-jähriger Mann mit bereits bekannten psychischen Auffälligkeiten, wurde noch am Tatort von der Polizei festgenommen. Die Ermittlungen konzentrieren sich inzwischen auf ein antisemitisches Motiv, das aufgrund der Aussagen des Täters nahe liegt.
Die französische Öffentlichkeit reagierte geschockt. Zahlreiche Politiker bekundeten ihre Solidarität, doch die prominentesten Stimmen kamen aus dem Élysée-Palast und dem Justizministerium.
Macron: Eine klare Botschaft an die Nation
Präsident Emmanuel Macron äußerte sich noch am selben Tag auf der Plattform X (vormals Twitter) und wählte ungewöhnlich deutliche Worte: „Die Aggression gegen Rabbiner Arié Engelberg in Orléans schockiert uns alle. Ich spreche ihm, seinem Sohn und all unseren Mitbürgern jüdischen Glaubens meine volle Unterstützung und die der Nation aus. Antisemitismus ist ein Gift. Wir werden weder dem Schweigen noch der Untätigkeit nachgeben.“
Diese Stellungnahme unterscheidet sich in Ton und Inhalt von früheren Reaktionen des Präsidenten auf antisemitische Vorfälle. Macron stellt nicht nur die Solidarität mit der jüdischen Gemeinde in den Vordergrund, sondern signalisiert mit der Formulierung „wir werden weder dem Schweigen noch der Untätigkeit nachgeben“, dass seine Regierung konkrete Konsequenzen ziehen will – und muss. Es ist ein rhetorischer Schulterschluss mit den Opfern, aber auch ein indirektes Eingeständnis, dass bisherige Maßnahmen nicht ausgereicht haben.
Darmanin: Keine „Mehrdeutigkeit“ im Umgang mit Antisemitismus
Justizminister Gérald Darmanin ging noch einen Schritt weiter. In einem Interview mit dem Sender France Inter betonte er, es dürfe „keine Mehrdeutigkeit im Umgang mit Antisemitismus“ geben. Zwar verwies er auf die psychischen Probleme des Täters, gleichzeitig hob er aber hervor, dass dieser sich „ganz offensichtlich von einem antisemitischen Narrativ leiten ließ“. Darmanin kritisierte ausdrücklich politische Gruppierungen, „die aus ideologischen oder taktischen Gründen“ Antisemitismus verharmlosten oder relativierten. Diese Kritik war offenkundig auch an Teile der politischen Linken sowie an islamistische Milieus gerichtet, die in der Vergangenheit durch antisemitische oder antizionistische Rhetorik aufgefallen waren.
In einem ergänzenden Schreiben an die Polizeipräfekturen forderte Darmanin erhöhte Wachsamkeit und verstärkte Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen in ganz Frankreich. Die Polizei wurde angehalten, ihre Präsenz zu verstärken, insbesondere an Wochenenden und zu hohen jüdischen Feiertagen.
Die politische Tragweite der Reaktionen
Die Deutlichkeit, mit der Macron und Darmanin auf den Vorfall reagierten, ist auch Ausdruck einer sich wandelnden sicherheitspolitischen Realität. Frankreich erlebt seit Jahren eine schleichende Normalisierung antisemitischer Gewalt, die zuletzt dramatisch zugenommen hat. Bereits 2023 verzeichnete das Innenministerium einen sprunghaften Anstieg antisemitischer Vorfälle: Zwischen dem 7. und 25. Oktober – also unmittelbar nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel – wurden landesweit 719 Fälle registriert.
Und allein im Januar und Februar 2025 zählte das Ministerium 248 neue antisemitische Straftaten, ein Anstieg um mehr als ein Drittel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Diese Zahlen setzen die Regierung unter Druck. Die jüdische Gemeinde fühlt sich zunehmend allein gelassen, die Rufe nach einer entschlosseneren staatlichen Antwort mehren sich.
Symbolpolitik reicht nicht mehr
Die deutlichen Worte aus dem Élysée und dem Justizministerium werden in jüdischen Organisationen zwar begrüßt, doch sie allein reichen vielen nicht aus. Yonathan Arfi, Präsident des Conseil Représentatif des Institutions Juives de France (CRIF), forderte „konkrete und nachhaltige Maßnahmen“ gegen den Antisemitismus. Dazu gehöre nicht nur die physische Sicherheit, sondern auch die Stärkung des Rechtsstaats und der Bildungsarbeit.
Auch der Vorsitzende der Union der Rabbiner Frankreichs sprach von einem „Weckruf“ an die Republik. „Wenn Rabbiner auf offener Straße angegriffen werden, dann ist das mehr als eine persönliche Tragödie – es ist ein Angriff auf das republikanische Versprechen, das alle Bürger schützt.“
Zwischen öffentlicher Empörung und strukturellem Versagen
Die Reaktionen Macrons und Darmanins markieren einen Wendepunkt. Während frühere antisemitische Vorfälle häufig mit allgemeinen Solidaritätsbekundungen beantwortet wurden, ist nun der Ton schärfer, die Verantwortung klarer benannt. Gleichwohl bleibt abzuwarten, ob dieser Tonwechsel auch in konkrete und nachhaltige politische Strategien mündet.
Die Attacke auf Rabbiner Engelberg zeigt, dass es in Frankreich nicht allein um Einzelfälle geht, sondern um ein strukturelles Problem. Die Wiederholung solcher Taten legt nahe, dass tiefere gesellschaftliche und ideologische Risse bestehen – Risse, die weder durch Polizeischutz noch durch öffentliche Bekundungen allein geschlossen werden können.
Wenn Präsident Macron den Antisemitismus als „Gift“ bezeichnet, dann ist dies nicht nur eine moralische Diagnose. Es ist eine politische Herausforderung ersten Ranges – und ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der republikanischen Ordnung.
P.T.
Quellen:
- Le Monde, 22. März 2025
- France Inter, Interview mit Gérald Darmanin, 22. März 2025
- X-Account von Emmanuel Macron, 22. März 2025
- Ministère de l’Intérieur, Jahresstatistik 2023/2024
- CRIF, Pressemitteilung vom 22. März 2025