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Alle Artikel · 20.11.2025 10:03

Asbest in Klassenzimmern: Ein schleichendes Risiko, das Kinder bedroht

Es klingt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – und doch atmen manche Kinder es womöglich täglich ein. In alten Schulgebäuden des Departements Bouches-du-Rhône im Süden Frankreichs schlummert eine stille Gefahr: Asbest. Was jahrzehntelang...

Es klingt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – und doch atmen manche Kinder es womöglich täglich ein. In alten Schulgebäuden des Departements Bouches-du-Rhône im Süden Frankreichs schlummert eine stille Gefahr: Asbest. Was jahrzehntelang als nützlicher Baustoff galt, könnte sich jetzt als tickende Zeitbombe entpuppen. Eine Katastrophe mit Ansage?

Eine Gruppe aus Eltern, Lehrkräften, Gewerkschaften und Opferverbänden hat genug: Sie hat im November 2025 Strafanzeige gegen Unbekannt wegen „Gefährdung des Lebens“ erstattet. Im Fokus stehen rund ein Dutzend Schulen in Marseille, Vitrolles, Marignane und Hyères – symbolisch ausgewählt, weil sie exemplarisch für ein größeres Problem stehen. Die Gebäude sind alt, teils marode. Und mittendrin: Kinder, die dort lernen, spielen, atmen.

Die Juristin Julie Andreu spricht für die Gruppe „Stop Amiante dans l’éducation“ und formuliert es drastisch: „Vielleicht steht uns eine Katastrophe bevor – und wir müssen alles tun, um sie zu verhindern.“ Sie meint: Die Risiken sind bekannt, die Versäumnisse ebenfalls. Was fehlt, ist der entschlossene Wille, zu handeln.

Denn Asbest ist tückisch. Seine Wirkung zeigt sich nicht sofort – sondern oft erst Jahrzehnte später. Bis zu 40 Jahre können vergehen, bis ein Mensch, der Asbestfasern eingeatmet hat, Symptome entwickelt. Die Diagnose lautet dann oft: Mesotheliom, eine aggressive Form von Krebs. Und die Betroffenen? Könnten genau jene Kinder von heute sein.

Betroffen sind vor allem Gebäude, die vor 1997 errichtet wurden – jenem Jahr, in dem Asbest in Frankreich offiziell verboten wurde. Doch ein Verbot allein schützt nicht, wenn das Material noch in Wänden, Decken und Fußböden schlummert. Und genau das ist der Fall in vielen Schulen: Die Bausubstanz ist alt, Renovierungen blieben aus, Schutzmaßnahmen lückenhaft. Die Folge? Risse in den Wänden, bröckelnde Deckenplatten, aufgeplatzte Böden – ideale Bedingungen, damit feinste Asbestfasern in die Luft gelangen.

„In manchen Schulen wurden einfach keine grundlegenden Sanierungen durchgeführt“, kritisiert Julie Andreu. Es geht nicht nur um bauliche Mängel – sondern auch um Informationspflichten, die aus ihrer Sicht sträflich vernachlässigt wurden. Eigentümer – meist Kommunen oder Départements – seien gesetzlich verpflichtet, technische Asbest-Diagnosen zu erstellen, zu aktualisieren und zugänglich zu machen. Doch genau daran hapert es. Andreu nennt es eine „echte Kommunikations- und Informationslücke“.

Und die hat Konsequenzen – nicht nur gesundheitlich. Sondern auch emotional. Wie sollen sich Eltern fühlen, wenn sie erfahren, dass das Klassenzimmer ihrer Kinder von einem Tag auf den anderen gesperrt wurde, weil dort plötzlich gefährliche Fasern entdeckt wurden? Was macht das mit dem Vertrauen in den Staat, in die Schule, in die Sicherheit des Alltags?

Die Wut wächst – ebenso wie das Unverständnis. Lehrkräfte berichten von Staubwolken nach Reparaturarbeiten, von Deckenplatten, die sich plötzlich lösen. Und immer wieder dieselbe Frage: Warum passiert nichts?

Vielleicht, weil es unbequem ist. Asbestsanierungen sind teuer, komplex und politisch heikel. Sie werfen unangenehme Fragen auf: Wer trägt die Verantwortung? Wer hat versäumt, frühzeitig zu handeln? Und vor allem: Wer schützt jetzt die Kinder?

„Es ist ein stilles Drama“, sagt eine Mutter, die anonym bleiben möchte. Ihr Sohn besucht eine betroffene Grundschule in Marseille. Seit Jahren sei bekannt, dass das Gebäude belastet ist – doch außer kleineren Reparaturen sei nichts passiert. Kein Umbau, keine Evakuierung, keine Transparenz.

Dabei gäbe es Lösungen. Technische, organisatorische, politische. Was fehlt, ist nicht das Wissen, sondern der Wille zur Umsetzung. Die aktuelle Klage soll genau das erzwingen: eine klare, entschlossene Reaktion der Behörden. Und vielleicht mehr noch – ein Umdenken.

Denn es geht nicht nur um marode Schulgebäude. Es geht um Vertrauen. Um Sicherheit. Um Verantwortung gegenüber einer Generation, die sich nicht selbst schützen kann. Und die darauf angewiesen ist, dass Erwachsene für sie handeln.

Bleibt die Frage: Wie viele Warnsignale braucht es noch, bis jemand das Feuer löscht, bevor es zu spät ist?

Autor: Daniel Ivers

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