Alle Artikel · 14.02.2022 16:17
Atomkraft – ja, nein, ich weiß nicht ...
Es ist nicht einfach! Die EU-Kommission hat Atomstrom als grüne Energie eingestuft. Ausgerechnet Strom aus Atomkraft, gegen die ihre Gegner in den 80-er Jahren Sturm liefen! Damit ist die Diskussion über Kernenergie wieder aufgeflammt....
Es ist nicht einfach! Die EU-Kommission hat Atomstrom als grüne Energie eingestuft. Ausgerechnet Strom aus Atomkraft, gegen die ihre Gegner in den 80-er Jahren Sturm liefen! Damit ist die Diskussion über Kernenergie wieder aufgeflammt. Wiegen die Risiken und Gefahren von Atomkraftwerken angesichts der Klimakrise weniger schwer als früher? Ist der Atommüll weniger gefährlich als der CO2-Ausstoß bei Nutzung anderer herkömmlicher Energien? Und was ist mit den sogenannten alternativen wie Wind- und Sonnenenergie?
Weltweit sind ca. 450 Kernreaktoren in Betrieb und ca. 50 im Bau, vor allem in China und Indien. Reaktoren gehen immer wieder vom Netz – wegen Erreichung des Laufzeitendes, weil die Wartungskosten zu hoch sind oder weil bewusster ausgestiegen werden soll. Neue Atommeiler entstehen in Europa unter anderem in Frankreich, dem Mutterland des Atomstroms. Der Reaktor in Flamanville (Normandie) ist seit 2007 im Bau und sollte ursprünglich 2012 fertig sein. Die Fertigstellung hat sich nicht nur verzögert, sondern auch enorm verteuert: die ursprünglich veranschlagten Kosten belaufen sich inzwischen auf ungefähr viermal so viel. 2023 soll das Werk engültig ans Netz gehen.
Daneben müssen aber immer wieder Atomreaktoren abgeschaltet werden. Erst vor ein paar Tagen – du hast es sicher gelesen – wurden drei weitere vom Netzt genommen, weil es Korrosionsprobleme gab. Rund 20% des Atomparks ist in Frankreich derzeit abgeschaltet.
Das lässt natürlich die Frage aufkommen, was bei einem Kälteeinbruch passiert. Haben wir genügend Strom? Gibt es einen „Blackout“? Tritt das düstere Szenarion ein, das vor 40 Jahren schon von Atomkraftbefürwortern an die Wand gemalt wurde – „dann gehen die Lichter aus“?
Andere Energien sind durch die Klimakrise heftig in Verruf gekommen. Wir müssen die CO2-Emissionen reduzieren. Ist also der „grüne“ Atomstrom die Lösung für die angestrebte Klimaneutralität? In Deutschland öffnet sich selbst die taz (Die Tageszeitung, „linksalternativ“, „systemkritisch“, Kernthema seit Gründung 1978: Kampf gegen Atomkraft) der Debatte. Die taz-Journalistin Silke Mertens fragt: „Was wäre, wenn die anderen – die Atomkraftbefürworter*innen – recht hätten? Wenn die Bedeutung der AKWs und die Gefahr, die von ihnen ausgeht, in Zeiten des Klimawandels, der großen Überlebensfrage für die Menschheit, neu bewertet werden müssen?“
Hat Frankreich in diesem Sinne neu bewertet? Zwei neue Reaktoren sollen entstehen. Gleichzeitig will Präsident Macron aber sein angestrebtes Ziel, den Anteil an Atomstrom bis 2035 von 75% auf 50% zu senken, beibehalten. Es sei jedoch eine „Frage der Energiesouveränität“, die Atomenergie wiederzubeleben, sagte Macron.
Das ist alles verständlich und nachvollziehbar. Dennoch bleiben wichtige Fragen offen. Da wäre zunächst der (radioaktive!) Atommüll – wo soll er hin? Die Endlagerung ist eines der großen ungelösten Probleme der Kernenergie. Des Weiteren können trotz Sicherheitssystemen Unfälle niemals ausgeschlossen werden. Man denke nur z. B. an Fukushima ... die Folgen für Menschen und Umwelt sind schwerwiegend und ihre Tragweite nicht abschätzbar.
Die Meinungen sind hüben wie auch drüben des Rheins geteilt. Viele fürchten sich vor dem, was auf uns zukommt, wenn wir das Klimaziel nicht erreichen; andere haben mehr Angst vor den Gefahren, die mit Atomstrom verbunden sind.
Wir sollten auf keinen Fall die erneuerbaren Energien vernachlässigen! Sie sind unser großer Hoffnungsschimmer am Horizont.
Behalten wir trotz allem unsere Zuversicht.
Deine Elisa