Alle Artikel · 14.11.2025 09:56
Audincourt – Wo Beton leuchtet und Kunst predigt
Wer auf dem Weg in den Süden Frankreichs durch Ostfrankreich brettert, hat meist ein Ziel vor Augen: Lyon vielleicht, das Burgund oder gleich die Côte d’Azur. Die A36 zieht sich schnurgerade durch die Landschaft...
Wer auf dem Weg in den Süden Frankreichs durch Ostfrankreich brettert, hat meist ein Ziel vor Augen: Lyon vielleicht, das Burgund oder gleich die Côte d’Azur. Die A36 zieht sich schnurgerade durch die Landschaft – schnell, effizient, fast ein bisschen langweilig. Doch rund eine halbe Stunde südlich von Mülhausen liegt ein Ort, der gerne übersehen wird. Audincourt. Industriestadt, graue Vergangenheit, wenig Glamour. Auf den ersten Blick.
Doch wer hier den Blinker setzt, erlebt eine Überraschung, die den Zeitplan über Bord wirft – im besten Sinne. Audincourt zeigt, dass selbst zwischen Werkhallen und Wohnblocks ein kulturelles Herz schlagen kann. Und zwar ziemlich laut.
Zwischen Zement und Zeitgeist – die Kirche Sacré-Cœur
Im Süden der Stadt, zwischen Mehrfamilienhäusern und parkenden Autos, steht ein Bau, der kaum auffällt. Kein Turm, kein Glockengeläut. Die Sacré-Cœur-Kirche wirkt von außen wie ein grauer Klotz – nüchtern, funktional. Doch wer durch die schwere Tür tritt, dem bleibt der Mund offen stehen.
Das Innere ist ein Farbenrausch. 17 monumentale Kirchenfenster, entworfen vom Maler Fernand Léger, ziehen sich entlang der Wände. Geometrisch, wild, leuchtend – fast wie ein riesiges modernes Comicbuch, das von der Passion Christi erzählt. Nur dass hier keine Schwermut herrscht, sondern ein fast kindlicher Optimismus.
Ironie der Geschichte: Léger war bekennender Atheist. Und gerade er hat mit diesen Fenstern der Kirche eine spirituelle Tiefe verliehen, die man so schnell nicht vergisst. Wenn das Sonnenlicht durch das farbige Glas fällt, wird der Raum zum kaleidoskopischen Spektakel – sakral und psychedelisch zugleich. Ein bisschen wie Woodstock im Kirchenschiff.
Wer Glück hat, trifft auf die Nachbarin, die gerne den Schlüssel zur Kirche herausrückt. Denn leider ist das Gebäude nicht immer geöffnet. Doch die Mühe lohnt sich. Spätestens, wenn man vor dem Taufbecken von Jean Bazaine steht – ein weiteres modernes Kunstwerk, das mit Farbe und Form die Sakralität neu denkt.
Kunst trifft Altbau – die Donation Patt im Château Peugeot
Nur wenige Minuten zu Fuß entfernt, im grünen Parc Japy, wartet das nächste Highlight: das Château Peugeot. Ein Prachtbau aus dem späten 19. Jahrhundert, einst Wohnsitz von Benjamin Peugeot – ja, genau, der Autodynastie. Heute ist das Schloss ein Ort der Kunst. Und das mit beachtlichem Niveau.
Seit 1998 beherbergt das renovierte Gebäude die Sammlung Donation Patt. Andrée und Gérard Patt, zwei kunstverrückte Sammler, überließen der Stadt ihre umfangreiche Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst. Und so spaziert man heute durch zwölf Säle und trifft auf Werke von Salvador Dalí, Lucio Fontana oder Robert Combas – aber auch auf junge Talente und regionale Künstler, die hier ihren Platz gefunden haben.
Das Spannende: Die historischen Räume des Schlosses wurden so restauriert, dass sie mit Licht und Weite spielen. Hohe Decken, Stuck, Parkett – aber eben kombiniert mit kräftiger, moderner Kunst. Fast so, als hätten sich Geschichte und Gegenwart beim Aperitif getroffen.
Die Ausstellung wirkt weder elitär noch verkopft. Hier kann man schauen, entdecken, lachen – und staunen. Vielleicht auch ein bisschen über sich selbst.
Beton mit Seele – Église de l’Immaculée Conception
Dritte Station, dritter Kontrast. Ein paar Straßenzüge weiter steht die Église de l’Immaculée Conception – ein avantgardistischer Sakralbau aus dem Jahr 1932. Dom Paul Bellot, Benediktinermönch und Architekturvisionär, hat sie entworfen. Und ja, er liebte Beton.
Was heute fast normal wirkt, war damals revolutionär: Eine Kirche komplett aus Sichtbeton, rhythmisch gegliedert, mit ornamentalen Details, die an Backsteinarchitektur erinnern. Der Innenraum – wenn man das Glück hat, hineinzukommen – wirkt wie ein riesiger Resonanzkörper. Kein Schnickschnack, keine Engelchen, kein Gold. Nur klare Linien, kräftige Farben und eine Stille, die fast körperlich spürbar ist.
Wer hier eine Messe besucht, erlebt, wie Raum und Ritual sich zu etwas Besonderem verbinden. Und auch wenn die Kirche oft verschlossen ist – schon der Blick von außen lohnt sich. Eine gelungene Mischung aus industrieller Härte und spiritueller Weichheit.
Kulinarik? Aber sicher!
Nach so viel Kunst braucht der Mensch Stärkung. Und auch da enttäuscht Audincourt nicht. In der Innenstadt locken kleine Boulangerien mit warmem Gebäck, und am Place du Marché servieren einfache Brasserien regionale Spezialitäten – vom Comté-Käse bis zum Jura-Wein.
Wer Lust auf authentische Küche hat, sollte sich ins „Chez Hervé“ setzen. Kein Schnickschnack, dafür viel Herz auf dem Teller: hausgemachter Bœuf Bourguignon, saftiger Tarte aux Myrtilles und ein Espresso, der wachküsst. So schmeckt Franche-Comté.
Warum anhalten? Weil es sich lohnt.
Audincourt ist kein Touristenziel im klassischen Sinne. Hier gibt es keine Altstadt zum Flanieren, keine Postkartenmotive und keine großen Namen. Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz. In dieser Mischung aus Industriegeschichte, spiritueller Moderne und Kunst, die nicht aufdrängt, sondern berührt.
Es ist ein Ort, der sich nicht sofort erschließt – aber der bleibt. Ein kleiner Zwischenstopp, der lange nachhallt. Und der zeigt, dass man nicht bis in den Süden fahren muss, um große Momente zu erleben.
Ein Reisebericht von V.O.Yager