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Alle Artikel · 25.06.2025 08:20

Auf Cézannes Spuren: Ein Spaziergang durch die Carrières de Bibémus

Ein paar Kilometer östlich von Aix-en-Provence wartet ein Ort, der sich eher wie ein geheimes Kapitel der Kunstgeschichte anfühlt als wie eine Sehenswürdigkeit. Die Carrières de Bibémus – das klingt erstmal nach einem staubigen...

Ein paar Kilometer östlich von Aix-en-Provence wartet ein Ort, der sich eher wie ein geheimes Kapitel der Kunstgeschichte anfühlt als wie eine Sehenswürdigkeit. Die Carrières de Bibémus – das klingt erstmal nach einem staubigen Steinbruch. Doch wer hier nur Kies und Geröll erwartet, wird sich gehörig wundern. Denn dieser verwunschene Fleck auf dem Kalkplateau war einst das Open-Air-Atelier von Paul Cézanne – einem der Väter der modernen Malerei.

Was hat diesen Mann bloß so fasziniert an dieser rostfarbenen Felslandschaft? Wer sich heute auf den Wanderweg durch das ehemalige Steinbruchgelände begibt, bekommt eine ziemlich gute Idee davon.

Ein Steinbruch mit Geschichte und Farbe

Bereits die Römer haben hier Steine gebrochen – und das über 1.500 Jahre lang. Die warm getönten Sandsteinblöcke, ockerfarben wie altes Pergament, formten später Teile von Aix-en-Provence: das Rathaus, herrschaftliche Stadtvillen, ganze Straßenzüge. Doch als der Bedarf nachließ, verfiel der Ort allmählich in einen Dornröschenschlaf – bis Cézanne ihn gegen Ende des 19. Jahrhunderts für sich entdeckte.

Zwischen 1895 und 1904 zog es ihn regelmäßig hierher. In dieser Zeit entstanden 11 Ölgemälde und 16 Aquarelle. "Le Rocher Rouge", heute im Musée de l’Orangerie in Paris, gehört zu den berühmtesten. Wer das Original kennt und dann vor genau jenem Felsbrocken steht, versteht plötzlich, warum Kunst und Natur so untrennbar miteinander verwoben sein können.

Die kantigen Felsen, die sich wie Puzzleteile übereinander türmen, und das goldene Licht, das zwischen den Kiefern hindurchfällt – sie inspirierten Cézanne zu einer neuen Sichtweise. Manche sagen, hier sei der Grundstein für den Kubismus gelegt worden.

Klingt pathetisch? Vielleicht. Aber spätestens beim Blick auf das Spiel aus Licht und Schatten, bei dem jedes Motiv wirkt wie in Szene gesetzt, stellt man sich unweigerlich die Frage: Warum hat das vorher niemand gesehen?

Vom Künstleratelier zum Freiluftmuseum

Wer die Carrières de Bibémus heute besuchen möchte, muss sich einer geführten Tour anschließen – spontane Spaziergänge sind nicht drin. Doch das hat seinen guten Grund: Das Gelände ist sensibel, und es soll so erhalten bleiben, wie Cézanne es geliebt hat.

Gestartet wird meist in der Nähe des kleinen Cabanon, dem einfachen Steinhaus, in dem der Maler seine Staffeleien, Leinwände und Pinsel lagerte. Der Weg schlängelt sich von dort aus über das Plateau – vorbei an markanten Felsformationen, lichten Pinienwäldern und Ausblicken, die sich fast wie lebende Gemälde anfühlen.

An vielen Stellen säumen informative Tafeln den Pfad: Sie zeigen Reproduktionen von Cézannes Werken genau an der Stelle, wo sie entstanden sind – ein verblüffender Abgleich zwischen Vision und Wirklichkeit. Wer genau hinschaut, erkennt in der Natur die geometrischen Formen wieder, die sich später in seiner Malweise manifestierten.

Es gibt aber auch ruhigere Momente. Wenn der Wind durch die Zweige rauscht und das Licht über den Stein tanzt, dann scheint es fast, als wäre Cézanne nur kurz auf einen Spaziergang gegangen.

Kultur trifft Natur – und manchmal auch Musik

Was die Carrières de Bibémus besonders macht, ist nicht nur die Vergangenheit. Auch heute lebt der Ort – durch wechselnde Ausstellungen, Lesungen oder kleinere Konzerte. Alles bleibt dabei dezent und im Einklang mit der Natur.

Es ist dieser behutsame Umgang mit dem Gelände, der dem Ort seine Magie bewahrt. Man hat nie das Gefühl, Teil einer Touristenmaschinerie zu sein. Vielmehr wirkt alles wie ein leiser Dialog zwischen Gegenwart und Geschichte.

Ein amerikanischer Retter mit französischem Herzen

Dass wir heute durch diesen besonderen Ort spazieren können, verdanken wir einem Mann, den kaum jemand kennt: George Bunker. Der amerikanische Künstler und Cézanne-Verehrer kaufte 1954 das Gelände – einfach so, aus Liebe zur Kunst. Sein Wunsch: Dass der Steinbruch erhalten bleibt.

Nach seinem Tod 1991 ging das Gelände in den Besitz der Stadt Aix-en-Provence über – unter der Bedingung, dass es für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und geschützt wird. Ein Wunsch, der seit 1998 in die Tat umgesetzt wird.

Ein stiller Held der Kunstgeschichte, könnte man sagen.

Praktische Tipps für den Besuch

Die Carrières de Bibémus liegen etwas abgelegen, doch die Mühe lohnt sich. Besuchen kann man sie nur im Rahmen geführter Touren, die über das Office de Tourisme von Aix-en-Provence buchbar sind.

Adresse: Carrières de Bibémus, 13100 Aix-en-Provence
Zugang: Nur mit Vorab-Reservierung möglich
Preis: Ab 17 €, oft mit Rabatten durch den City Pass

Festes Schuhwerk ist empfehlenswert – und wer in der Sommerhitze kommt, sollte an Wasser und Kopfbedeckung denken. Schatten gibt es, aber nicht überall.

Warum sich ein Abstecher wirklich lohnt

Was bleibt nach einem Besuch in den Carrières de Bibémus? Mehr als schöne Fotos oder ein Häkchen auf der Reiseliste. Es bleibt ein Gefühl. Das Gefühl, einem Künstler ganz nah gewesen zu sein – und einem Ort, der weit mehr ist als nur ein stillgelegter Steinbruch.

Muss man ein Kunstkenner sein, um hier berührt zu werden? Keineswegs. Die Natur spricht für sich, und Cézannes Blick auf die Welt ist ansteckend. Zwischen rotem Fels und provenzalischem Himmel wird plötzlich alles klar: Man versteht nicht nur den Künstler besser, sondern vielleicht auch ein kleines Stück von sich selbst.

Ein Reisebericht von V.O.Yager

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