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Alle Artikel · 11.06.2025 10:28

Auf hoher See gekidnappt? Französischer Arzt berichtet von „Misshandlungen“ durch israelische Behörden

Mitten in der Nacht, irgendwo in internationalen Gewässern, wird ein kleines Hilfsschiff gestoppt – nicht von Piraten, sondern von einer der am besten ausgerüsteten Armeen der Welt. Was wie der Beginn eines Abenteuerromans klingt,...

Mitten in der Nacht, irgendwo in internationalen Gewässern, wird ein kleines Hilfsschiff gestoppt – nicht von Piraten, sondern von einer der am besten ausgerüsteten Armeen der Welt. Was wie der Beginn eines Abenteuerromans klingt, wurde Realität für die Besatzung der „Madleen“. An Bord: zwölf Aktivistinnen und Aktivisten, darunter die bekannte Klimaaktivistin Greta Thunberg, der französische Arzt Baptiste André und die Europaabgeordnete Rima Hassan. Sie wollten Hilfsgüter nach Gaza bringen. Doch sie kamen nie an.

Am Abend des 10. Juni landet Baptiste André wieder in Frankreich. Die Stimme ruhig, aber fest – er berichtet von seiner Erfahrung nach der gewaltsamen Festsetzung des Schiffes. Keine körperliche Gewalt, sagt er, aber das, was folgte, nennt er „Misshandlung“. Und was er erzählt, lässt aufhorchen.

https://twitter.com/BFMTV/status/1932692523018846571

Musik, Spott und kein Zugang zu Wasser

„Kein Zugang zu Sanitäranlagen, kaum Wasser, Brot erst nach Stunden“ – das sind keine Zustände in einem Gefängnis in einem Kriegsgebiet, sondern die Situation in einem israelischen Hafen, wo die Passagiere und Crew der Madleen nach dem Entern festgehalten wurden. Greta Thunberg, so André, wurde gezielt am Schlafen gehindert – jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, weckte man sie. Und währenddessen dröhnte Musik durch den Raum, begleitet von tanzenden Sicherheitskräften und von höhnischem Gelächter.

Man mag sich fragen: Ist das der Umgang mit friedlichen humanitären Aktivisten?

Illegal auf hoher See?

Nach Darstellung von André geschah das Boarding des Schiffes in der Nacht von Sonntag auf Montag, weit draußen – mehr als 100 Seemeilen entfernt von der palästinensischen Küste. Begleitet von über zehn israelischen Booten und mindestens 80 Soldaten. Schon seit dem Auslaufen in Sizilien wurde die Madleen von Drohnen verfolgt. Schließlich, so André, näherte man sich dem Boot und beleuchtete die Madleen mit grellen Scheinwerfern – eine Aktion, die psychologische Einschüchterung vermuten lässt.

Das Schiff war unbewaffnet, die Passagiere zivil. Das Ziel: humanitäre Hilfe. Und doch wurde das Schiff in internationalen Gewässern gestoppt, was der Arzt als Bruch des Seerechts und des internationalen Rechts bezeichnet.

„Ich habe unterschrieben, um zu berichten“

Baptiste André willigte schließlich in seine Ausweisung ein. Er unterzeichnete Dokumente, die er als „trügerisch“ beschreibt. Warum tat er das? Aus familiären Gründen, aber vor allem, um Zeugnis ablegen zu können. Was er gesehen und erlebt hat, will er nicht für sich behalten – er will es öffentlich machen.

Er richtet einen Appell an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron: Er solle alles in seiner Macht Stehende tun, um die in Israel verbliebenen Kolleginnen und Kollegen freizubekommen und politisch Druck auszuüben, um die Blockade Gazas zu beenden – „diese Situation ist nicht mehr auszuhalten“, sagt André.

Greta Thunbergs klare Worte

Auch Greta Thunberg meldete sich nach ihrer Rückkehr zu Wort. Sie spricht von „Kidnapping in internationalen Gewässern“. Eine drastische Formulierung, aber angesichts der geschilderten Umstände nicht unbegründet. Acht Personen der Crew seien weiterhin in israelischem Gewahrsam, berichtet die Organisation „Freedom Flotillas“.

Die Aktion der israelischen Streitkräfte reiht sich ein in eine Reihe international umstrittener Einsätze gegen die Schiffe der sogenannten „Freedom Flotillas“. Kritiker sprechen von einem systematischen Vorgehen gegen humanitäre Missionen – unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit.

Die Frage, die bleibt

Wer darf entscheiden, welche Schiffe internationale Gewässer durchqueren? Darf ein Staat wie Israel eigenmächtig zivilen Hilfsfahrzeugen den Weg versperren – unter Einsatz militärischer Mittel? Und: Wie gehen wir als internationale Gemeinschaft mit solchen Situationen um?

Baptiste André jedenfalls hat trotz der Erlebnisse keinen Zweifel: Würde er dieselbe Aktion wiederholen? „Ja“, sagt er ohne Zögern. Für ihn steht fest: Der Einsatz für Freiheit, Menschenrechte und das Leben in Würde ist es wert, persönliche Risiken einzugehen.

Von Andreas M. Brucker

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