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Alle Artikel · 07.05.2025 05:57

Boualem Sansal: Wenn Literatur zur Gefahr für die Macht wird

Der 6. Mai 2025 war mehr als nur ein Tag im französischen Parlamentskalender. An diesem Dienstag stimmte die Assemblée nationale für eine Resolution, die die sofortige und bedingungslose Freilassung des in Algerien inhaftierten Schriftstellers...

Der 6. Mai 2025 war mehr als nur ein Tag im französischen Parlamentskalender. An diesem Dienstag stimmte die Assemblée nationale für eine Resolution, die die sofortige und bedingungslose Freilassung des in Algerien inhaftierten Schriftstellers Boualem Sansal fordert. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag, entpuppte sich als politischer Zündstoff – innenpolitisch wie diplomatisch.

Die Stimme der Freiheit – hinter Gittern

Boualem Sansal, 80 Jahre alt, ist kein Unbekannter. Der Schriftsteller gilt als einer der großen Intellektuellen des frankophonen Raums – unbequem, kritisch, unabhängig. Seit November 2024 sitzt er im Gefängnis von El Harrach, einem Ort, der für politische Häftlinge längst Symbolcharakter hat. Der Vorwurf: „Angriff auf die nationale Einheit“ und „Beleidigung staatlicher Institutionen“.

Hinter diesen Formulierungen verbirgt sich jedoch kaum verhohlene Repression. Grund für seine Festnahme sollen Äußerungen gewesen sein, in denen Sansal die offiziellen Grenzlinien Algeriens infrage stellte – was mancher in Algier als marokko-freundlich interpretierte. Pikant: Diese Anklagen werden begleitet von der Sorge um seine Gesundheit. Der betagte Autor leidet unter Vorerkrankungen – und das in Haftbedingungen, die für niemanden leicht, für einen 80-Jährigen aber potenziell lebensgefährlich sind.

Ein Antrag mit Sprengkraft

Die französische Nationalversammlung entschied nun mit 307 Stimmen gegen 28 für die von Constance Le Grip (Renaissance) eingebrachte Resolution. Der Text fordert nicht nur Sansals Freilassung, sondern koppelt europäische Hilfszahlungen an Algerien künftig an Fortschritte im Bereich Menschenrechte.

So weit, so deutlich. Aber der Antrag benennt auch die über 200 inhaftierten algerischen politischen Gefangenen – darunter Journalisten, Aktivistinnen und Künstler. Das war mehr als ein symbolisches Votum: Es war ein diplomatischer Paukenschlag.

Linke Gegenstimme – gewollt oder verfehlt?

Die Überraschung folgte auf dem Fuß: Die Fraktion La France insoumise (LFI) stimmte gegen die Resolution. Dabei betonen die Abgeordneten ausdrücklich, Sansals Freilassung zu befürworten. Ihr Nein galt dem Ton der Erklärung – zu konfrontativ, zu „paternalistisch“, so die Kritik. Man wolle die ohnehin fragilen Beziehungen zu Algerien nicht weiter beschädigen.

Doch diese Haltung sorgte für einen politischen Aufschrei. Gabriel Attal, ehemaliger Premierminister, nannte das Verhalten der LFI „beschämend“. Andere warfen der Linken Naivität, manche sogar heimliche Nähe zu autoritären Regimen vor. Ein Vorwurf, der tief trifft – und für einige zu plakativ sein dürfte. Dennoch: Die Diskussion zeigt, wie schwierig es ist, moralische Haltung und geopolitisches Kalkül unter einen Hut zu bringen.

Frankreichs heikle Rolle

Frankreich und Algerien – eine Beziehung voller Schatten. Historisch belastet durch Kolonialvergangenheit und Unabhängigkeitskrieg, dominiert bis heute ein Mix aus Schuld, Stolz und gegenseitiger Enttäuschung. Menschenrechtskritik aus Paris wird in Algier oft als neokoloniale Bevormundung empfunden. Aber: Die Sorge um die Menschenrechte ist real und berechtigt.

Was also tun, wenn ein kritischer Schriftsteller wie Sansal im Gefängnis verschwindet? Schweigen – um den diplomatischen Frieden zu wahren? Oder laut sein – um nicht zu Komplizen der Repression zu werden?

Eine Stimme, die Wellen schlägt

Die Affäre Sansal ist längst kein rein französisch-algerisches Thema mehr. Schon im Januar 2025 hatte das Europaparlament eine ähnliche Resolution verabschiedet. Auch Amnesty International, Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen meldeten sich zu Wort. Ihre Botschaft: Die Freiheit der Meinungsäußerung ist universell – und kein innenpolitischer Luxus.

Boualem Sansal selbst, der einst schrieb, dass „Diktaturen mit dem Schweigen der Mehrheit leben“, würde wohl nicht überrascht sein. Doch wie viel Gewicht haben Worte in einer Welt, in der Macht oft über Recht siegt?

Was bleibt – und was kommt?

Diese Resolution mag keine direkten Konsequenzen haben – Sansal wird nicht morgen früh seine Zelle verlassen, nur weil in Paris darüber abgestimmt wurde. Aber sie setzt ein Zeichen. Und sie fordert Frankreich dazu auf, seine Rolle zu überdenken: als ehemalige Kolonialmacht, als Verfechterin der Menschenrechte, als Partner einer Region, die zwischen Reform und Repression taumelt.

Denn die eigentliche Frage ist: Wie kann man glaubwürdig für Freiheit eintreten, ohne gleichzeitig alte Wunden aufzureißen?

Vielleicht gibt es keine perfekte Antwort. Aber die Stimme zu erheben – auch wenn sie nicht alle hören wollen – bleibt ein Anfang.

Catherine H.

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