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Alle Artikel · 06.11.2025 08:13

Bürger leihen ihrer Gemeinde Geld – und alle gewinnen

Im südfranzösischen Labastide-de-Lévis passiert etwas Ungewöhnliches. Nicht die Bank finanziert das neue Dorfzentrum. Sondern die Bewohner selbst. Über 100.000 Euro kamen in nur 38 Tagen zusammen. Der Grund? Ein sogenannter „emprunt citoyen“ – ein...

Im südfranzösischen Labastide-de-Lévis passiert etwas Ungewöhnliches. Nicht die Bank finanziert das neue Dorfzentrum. Sondern die Bewohner selbst. Über 100.000 Euro kamen in nur 38 Tagen zusammen. Der Grund? Ein sogenannter „emprunt citoyen“ – ein Bürgerkredit. Und der schlägt nicht nur den Zins eines Sparbuchs, sondern entfacht auch ein neues Wir-Gefühl.

Das kleine Dorf im Département Tarn hat sich damit auf die Landkarte der innovativen Kommunen katapultiert. Was steckt hinter diesem Modell? Und kann das Schule machen?

Geld statt Gerede: Bürger als Investoren

Stellen wir uns vor: Man schlendert über den neu gestalteten Dorfplatz, vorbei an Bäumen, Bänken und Kindergelächter – und weiß: „Das hier habe ich mitfinanziert.“ Genau dieses Gefühl bietet Labastide-de-Lévis seinen rund 900 Einwohnern. Der Bürgermeister François Vergnes hatte eine Idee: Warum nicht auf das setzen, was im Dorf am stärksten ist – den Zusammenhalt?

Der Plan: Die Gemeinde leiht sich Geld nicht von einer Bank, sondern direkt von ihren Bürgern. 3,2 % brutto gibt’s jährlich an Zinsen, garantiert über vier Jahre. Eine überschaubare Laufzeit, ein fester Zins – und vor allem: eine Investition in den eigenen Lebensraum.

Ein Dorfplatz als Herzensprojekt

Das Geld fließt in den Ortskern: weniger Asphalt, mehr Aufenthaltsqualität. Neue Pflasterung, Begrünung, Sitzgelegenheiten – aus grauem Niemandsland wird ein lebendiger Treffpunkt. Wer dort lebt, sieht nicht nur zu, sondern gestaltet aktiv mit. Emotional wie finanziell.

Der Bürgermeister bringt es auf den Punkt: „Das ist wie ein Bankkredit – nur direkter. Und mit mehr Herzblut.“

Warum das Ganze? Drei gute Gründe

Erstens: Es ist günstiger. Öffentliche Kredite und Fördergelder sind oft teuer, langsam oder voller bürokratischer Hürden. Der Bürgerkredit dagegen ist flexibel, schnell und lokal verankert.

Zweitens: Die Menschen fühlen sich einbezogen. Wer investiert, interessiert sich. Das fördert Transparenz, Vertrauen – und Identifikation mit dem Projekt.

Drittens: Der Zins ist attraktiv. In Zeiten mickriger Sparzinsen wirkt ein Angebot von 3,2 % wie ein kleiner Lottogewinn. Besonders, wenn das Geld gleichzeitig dem eigenen Dorf zugutekommt.

Erfolg mit Schattenseiten?

Natürlich wirft das Modell auch Fragen auf. Nicht jeder kann oder will Geld investieren. Was ist mit denjenigen, die sich außen vor fühlen? Wird Teilhabe zur Geldfrage?

Und was, wenn das Projekt aus dem Ruder läuft? Die Rückzahlung hängt an der Leistungsfähigkeit der Kommune. Zwar besteht kein rechtliches Risiko für die Bürger – doch ein Imageverlust wäre bitter.

Und dann wäre da noch der Punkt Marketing: Ist das Ganze vor allem eine schlaue PR-Aktion? Oder wirklich der Startpunkt einer neuen Form bürgerlicher Mitverantwortung?

Ein Trend macht Schule

Labastide-de-Lévis ist kein Einzelfall. Überall in Frankreich experimentieren Städte und Dörfer mit ähnlichen Modellen. Ob für Solaranlagen, Schulrenovierungen oder Verkehrsberuhigung – der „emprunt citoyen“ liegt im Trend. Plattformen wie Villyz professionalisieren den Prozess und helfen Kommunen bei der Umsetzung.

Dabei zeigt sich: Gerade kleinere Gemeinden mit engem sozialen Gefüge sind ideale Testfelder. Hier kennt man sich, hier vertraut man sich – und hier hat das eigene Geld oft einen doppelten Wert.

Was bedeutet das für Deutschland?

Auch hierzulande wird über Bürgerhaushalte, Mitbestimmung und Crowdfunding diskutiert. Doch echte Bürgerkredite für kommunale Projekte? Die Idee steckt noch in den Kinderschuhen. Labastide-de-Lévis zeigt, wie es gehen kann. Und liefert eine Blaupause für mutige Bürgermeister – und engagierte Dorfbewohner.

Rendite trifft Rückhalt

Was bleibt, ist ein starkes Signal: Demokratie muss nicht immer nur Debatte heißen – manchmal bedeutet sie auch Investition. Und vielleicht ist genau das die Zukunft der kommunalen Finanzierung: weniger Abhängigkeit von fernen Geldgebern, mehr Vertrauen in die eigene Gemeinschaft.

Wer weiß – vielleicht läuft auch in Ihrem Ort bald ein Bürgerkredit. Und Sie fragen sich: Investiere ich in mein Dorf?

Autor: Daniel Ivers

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