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Frankreich · 13.05.2026 08:15

Cannes 2026: Wenn das Kino zum letzten Ort des Widerstands wird

An der Croisette glitzerten erneut die Kamerablitze, die Abendkleider rauschten über den roten Teppich, Limousinen schoben sich Stoßstange an Stoßstange durch Cannes. Und doch lag über der Eröffnung der 79. Filmfestspiele ein anderer Ton....

An der Croisette glitzerten erneut die Kamerablitze, die Abendkleider rauschten über den roten Teppich, Limousinen schoben sich Stoßstange an Stoßstange durch Cannes. Und doch lag über der Eröffnung der 79. Filmfestspiele ein anderer Ton. Weniger Champagnerlaune, mehr Weltlage.

Jane Fonda brachte ihn gleich zu Beginn auf den Punkt.

Das Kino, sagte sie, könne Kulturen überwinden und Widerstand leisten. Ein Satz, der in gewöhnlichen Festivaljahren wie wohlformulierter Pathos geklungen hätte. Diesmal wirkte er beinahe wie eine Kampfansage.

Denn Cannes 2026 eröffnet in einer Zeit, in der sich die Filmwelt nervös neu sortiert. Künstliche Intelligenz produziert Drehbücher im Sekundentakt, Streamingplattformen verschlingen unabhängige Produktionen, große Studios rechnen Geschichten inzwischen oft nach Algorithmen durch. Was Erfolg verspricht, erhält Geld. Was sperrig wirkt, verschwindet schnell in der Schublade. Genau gegen diese Gleichförmigkeit stemmt sich das Festival demonstrativ.

Bis zum 23. Mai konkurrieren 22 Filme um die Goldene Palme. Unter der Leitung des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook sitzt eine Jury zusammen, die fast wie ein Gegenentwurf zur industriellen Massenware erscheint: Schauspieler, Autorenfilmer, europäische Intellektuelle, Menschen mit Handschrift statt Markenlogo.

Das klingt erstmal nach Feuilleton — ist aber längst Wirtschaftspolitik der Kultur.

Hollywood hält sich in diesem Jahr auffallend zurück. Einige Studios sparen Reisen, andere setzen lieber auf globale Streamingstarts statt auf die symbolische Kraft eines europäischen Festivals. In Cannes spürt man diese Verschiebung deutlich. Wo früher amerikanische Großproduktionen den Ton angaben, rücken nun Filme aus Südkorea, Lateinamerika oder Nordafrika stärker ins Zentrum. Geschichten aus Regionen, die selten Milliardenbudgets besitzen, aber oft mehr zu erzählen haben.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Festivals.

Cannes interessiert sich traditionell weniger für perfekte Unterhaltung als für Reibung. Für Filme, die Unbehagen erzeugen, politische Wunden offenlegen oder gesellschaftliche Konflikte sichtbar machen. Nicht jeder Beitrag begeistert das Publikum. Manche strecken sich über drei Stunden, andere treiben selbst geduldige Cineasten an die Belastungsgrenze. Aber genau dort beginnt oft jene Art von Kino, die länger im Kopf bleibt als der nächste Superheldenfilm.

Auch die Ehrung von Peter Jackson wirkte in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Der Regisseur des „Herr der Ringe“-Epos erhielt die Ehrenpalme, gefeiert von Elijah Wood — ein nostalgischer Moment, klar. Doch zugleich erinnerte der Abend daran, dass großes Kino einst aus Risiko entstand. Jacksons Fantasy-Welt galt vor 25 Jahren als verrücktes Mammutprojekt. Heute wirkt sie fast wie ein Symbol für eine Ära, in der Studios noch Mut zum Größenwahn hatten.

Und Cannes?

Das Festival verteidigt weiterhin die Idee, dass Filme mehr sein dürfen als bloßer Content. Mehr als austauschbare Ware zwischen zwei Werbeblöcken. Eine unbequeme Szene, ein stiller Dialog, ein Gesicht in Nahaufnahme — manchmal reicht genau das, um mehr über eine Gesellschaft zu erzählen als jede politische Debatte.

Natürlich bleibt Cannes auch ein gigantisches Spektakel. Luxusjachten schaukeln im Hafen, Designerlabels dominieren die Promenade, Fotografen brüllen nach Aufmerksamkeit. Der Zirkus gehört dazu. Aber hinter all dem Glamour steht noch immer eine erstaunlich alte Überzeugung: Bilder besitzen Macht.

Und manchmal stören sie genau dort, wo Stille plötzlich bequemer wäre.

Von C. Hatty

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