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Alle Artikel · 17.11.2025 11:54

„Choose France“ richtet den Blick nach innen – Ein Strategiewechsel mit Signalwirkung

Am 17. November 2025 hat in Paris eine Premiere stattgefunden, die sich weniger durch die Form als durch ihren Inhalt von früheren Ausgaben abhob: Das bislang als internationales Werbeformat für Frankreichs Standortattraktivität bekannte Gipfeltreffen...

Am 17. November 2025 hat in Paris eine Premiere stattgefunden, die sich weniger durch die Form als durch ihren Inhalt von früheren Ausgaben abhob: Das bislang als internationales Werbeformat für Frankreichs Standortattraktivität bekannte Gipfeltreffen „Choose France“ wurde erstmals ausschließlich französischen Unternehmen gewidmet. Rund 200 Akteure – von Großkonzernen bis zu Start-ups – versammelten sich in der Maison de la Chimie im 7. Arrondissement der Hauptstadt, um sich mit Regierungsmitgliedern über die künftige Rolle des „Made in France“ auszutauschen. Was nach einem Formatwechsel klingt, ist in Wirklichkeit Teil einer tiefgreifenden wirtschaftspolitischen Neuausrichtung.

https://twitter.com/le_Parisien/status/1990365147706126579

Vom Werbeforum zur industriepolitischen Bühne

Seit seiner Gründung im Jahr 2018 diente der Gipfel „Choose France“ vorrangig als Bühne für Investitionsankündigungen aus dem Ausland. In Anwesenheit des Präsidenten und zahlreicher Minister wurden regelmäßig Milliardenbeträge verkündet – insbesondere von angelsächsischen, deutschen oder asiatischen Konzernen, die ihre Präsenz in Frankreich ausbauen wollten. Die diesjährige Ausgabe hingegen verfolgt ein anderes Ziel: Sie will französische Unternehmen dazu motivieren, im eigenen Land zu investieren – und dies auch öffentlichkeitswirksam inszenieren.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums belaufen sich die im Rahmen des Gipfels angekündigten Projekte französischer Firmen auf rund 9 Milliarden Euro. Insgesamt rechnet die Regierung mit einem nationalen Investitionsvolumen von bis zu 30 Milliarden Euro, das mittelfristig in Reindustrialisierung, Digitalisierung und ökologische Transformation fließen soll. Dass diese Summe öffentlich betont wird, ist kein Zufall: Frankreich möchte ein Signal der Selbstbehauptung senden – in einer Zeit, in der geopolitische Unsicherheit, volatile Energiepreise und protektionistische Tendenzen die globale Standortkonkurrenz neu ordnen.

Souveränität und Standort: Die neue wirtschaftspolitische Doktrin

Der Strategiewechsel fügt sich ein in eine breiter angelegte Umorientierung der französischen Wirtschaftspolitik. Seit der Pandemie und spätestens mit dem Ukrainekrieg hat sich in Paris die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein zu großer Teil der industriellen Wertschöpfung ausgelagert wurde. Der Verlust an industrieller Souveränität, etwa in den Bereichen Pharma, Energie oder Hightech-Komponenten, hat das politische Denken verändert.

Die neue „Choose France“-Ausrichtung lässt sich somit als eine Reaktion auf diese Erkenntnis deuten: Frankreichs Regierung möchte nicht nur weiterhin ausländische Investoren gewinnen, sondern auch und vor allem eigene Unternehmen halten, binden und fördern. Dieser Paradigmenwechsel folgt einem geopolitischen Trend, den man auch in Deutschland, den USA oder Italien beobachten kann – Stichwort „Reshoring“ und „strategische Autonomie“.

Inhaltliche Schwerpunkte und politische Erwartungen

Der Gipfel ist in thematische Panels gegliedert, die sich mit den Zukunftsbranchen des Landes beschäftigen: Energie, Digitalisierung, Raumfahrt, Biotechnologie, Agrar- und Lebensmittelindustrie. Besonders hervorgehoben wurde der Bereich der künstlichen Intelligenz, in dem Frankreich mit Start-ups wie Mistral AI ambitionierte Ziele verfolgt. Auch die Energiewende – insbesondere im Kontext der Atomkraft und der Wasserstoffstrategie – stand im Fokus der Gespräche.

Doch nicht alle Töne sind euphorisch. Zahlreiche Unternehmer beklagen in Hintergrundgesprächen die Unsicherheiten der französischen Steuer- und Abgabenpolitik. Vor allem die Debatte um die Abschaffung von Steuervorteilen oder das strukturelle Defizit im Staatshaushalt trüben die Investitionslaune. Hinzu kommt die Sorge vor einem politischen Rechtsruck bei den kommenden Wahlen, der die Planbarkeit wirtschaftlicher Entscheidungen zusätzlich erschwert.

Zwischen Symbolpolitik und Substanz

Ein weiterer Kritikpunkt: Es bleibe abzuwarten, wie viel der angekündigten Investitionen tatsächlich über bereits bestehende Planungen hinausgehe. Viele der 2025 präsentierten Projekte seien Erweiterungen, Umwidmungen oder längst beschlossene Vorhaben, die nun unter dem Label „Choose France“ neu verpackt würden. Die eigentliche Bewährungsprobe liege in der konkreten Umsetzung: Werden wirklich neue Industriearbeitsplätze geschaffen? Werden ländliche Regionen profitieren oder konzentriert sich das Wachstum auf bestehende urbane Zentren?

Zudem bleibt offen, wie strukturell tragfähig die nationale Investitionsstrategie ist. Frankreichs Industrie macht nur noch rund 13 % der Bruttowertschöpfung aus – ein niedriger Wert im europäischen Vergleich. Die Wettbewerbsfähigkeit leidet unter hohen Lohnnebenkosten, komplizierter Bürokratie und stagnierenden Innovationsindikatoren. Eine echte Trendwende braucht mehr als Gipfeltreffen und symbolische Ankündigungen.

Insofern ist das neue Format von „Choose France“ ein politisch kluger, aber wirtschaftlich noch nicht validierter Schritt. Es zeigt, dass Frankreich die Zeichen der Zeit erkannt hat – aber auch, dass zwischen Willenserklärung und Umsetzung noch ein weiter Weg liegt.

Für deutschsprachige Beobachter lohnt sich der Blick auf diesen Gipfel doppelt: Einerseits demonstriert er, wie sehr Frankreich um seine wirtschaftliche Resilienz ringt; andererseits zeigt er, dass die industrielle Zukunft Europas nicht nur eine Frage von Subventionen, sondern von strategischer Kohärenz, Verlässlichkeit und Unternehmergeist ist.

Autor: P. Tiko

https://twitter.com/BFMTV/status/1990137343991251098

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