Das Leben ist wie „russische Berge“

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Montagnes russes, Foto: Justin, Unsplash

Seit Corona ist das Leben um einiges unausgeglichener geworden als vorher. Mal sinken die Inzidenzwerte – nach entsprechenden (auch ungeliebten) Maßnahmen oder nach Impfungen –, mal steigen sie wieder an – nach Unvorsichtigkeiten oder wegen neuer Varianten. Nichts ist mehr planbar wie früher – das Leben ist wahrhaftig wie „russische Berge“ geworden: eine Achterbahnfahrt.

Die Achterbahn bezeichnet man in Frankreich mit montagnes russes. Nanu? Welche russischen Berge sind da gemeint? Vielleicht der Ural? Oder die kaukasischen Berge? Und – was haben die mit einer Achterbahn zu tun?

Es handelt sich bei diesen „russischen Bergen“ weder um den Kaukasus noch um den Ural, sondern um eine Erfindung in einem Teil des Landes, in dem es gar keine Berge gibt … nämlich in der Gegend um St. Petersburg.

Im 17. Jahrhundert kam man dort auf die Idee, die langen und strengen Winter für ein extravagantes Vergnügen zu nutzen: Das Schlittenfahren. Da aber die Gegend viel zu flach war, musste man dafür extra Höhenunterschiede schaffen. Man baute „Berge“. Ursprünglich waren das Konstruktionen aus Holz, die du dir ungefähr so ähnlich wie eine Skischanze vorstellen kannst, allerdings in kleinerem Ausmaß. Wenn die künstlichen Hänge vereist und schneebedeckt waren, konnten die „Wintersportler“ bequem in ihren Schlitten, das waren eine Art Sessel aus Weidenruten, den Hang hinuntergleiten.

Alle Versuche, dieses Vergnügen auch in der wärmeren Jahreszeit aufrechtzuerhalten, scheiterten. Ohne Eis glitten die Weidenschlitten nicht …

Da diese Attraktion aber sehr beliebt war, wurde sie weiterentwickelt. Im 18. Jahrhundert wurden statt der einfachen und nicht sommertauglichen Schlitten Wagen mit Rädern eingesetzt, die auf Schienen über vorgefertigte Bahnen liefen. Damit war das Vergnügen ganzjährig möglich.

Von Russland aus gelangte die Idee wahrscheinlich über russische Soldaten nach Frankreich. Ein Pariser Unternehmen spezialisierte sich schon 1812 im Stadtteil Belleville auf Bau und Betrieb einer solchen Vergnügungsstrecke, die noch wenig Ähnlichkeit mit der heutigen verschlungenen Achterbahnstrecke mit ihren Loops aufwies. Aber die Anfänge waren gemacht. Die Firma nannte sich „Les Montagnes Russes“. –

In Spanien und Italien besteigt man für eine Achterbahnfahrt genau wie in Frankreich „russische Berge“. In Russland dagegen wird dieser Ausdruck nicht gebraucht, in russischen Vergnügungsparks heißen die Achterbahnen „amerikanische Berge“. Die amerikanische Bezeichnung „roller coaster“ wird inzwischen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ab und zu benutzt. Man weiß, was damit gemeint ist.

Übrigens: Man nennt eine materielle Achterbahn, also die Konstruktion, die einen erst in die Höhe und dann rasend schnell in die Tiefe befördert, in Frankreich auch le grand huit (die „große Acht“ – ein schöner, treffender Ausdruck). Wenn es sich aber um Höhen und Tiefen des Lebens und, damit verbunden, die emotionale Achterbahn handelt, ist nur montagnes russes der passende Ausdruck.

Ich wünsche dir trotz aller möglichen Berg- und Talfahrten einen schönen Sommer. Genieße ihn, so gut du kannst.

 Deine Elisa


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