Tag & Nacht


An der französischen Atlantikküste sorgt ein unerwarteter Eindringling für wachsende Unruhe. Die Meeresschnecke Rapana venosa, ursprünglich in den Gewässern Ostasiens beheimatet, breitet sich zunehmend in der Charente-Maritime aus und stellt Fischer sowie Austernzüchter vor neue Herausforderungen. Was zunächst als seltene Kuriosität galt, entwickelt sich inzwischen zu einem handfesten ökologischen und wirtschaftlichen Problem.

Noch vor wenigen Jahren gingen den Fischern nur vereinzelt Exemplare ins Netz. Inzwischen berichten zahlreiche Berufsfischer von deutlich höheren Fangzahlen. Manche entdecken mehrere Tiere während einer einzigen Tide, andere sprechen von einer regelrechten Explosion der Bestände. Die Entwicklung lässt viele Küstenbewohner aufhorchen, denn die Schnecke ist keineswegs harmlos.

Rapana venosa zählt zu den gefräßigen Räubern unter den Weichtieren. Mit erstaunlicher Effizienz öffnet sie Muscheln und ernährt sich von Austern, Miesmuscheln sowie Jakobsmuscheln. Genau jene Arten also, die für die Region von zentraler Bedeutung sind. Besonders das berühmte Austerngebiet Marennes-Oléron gilt als wirtschaftliches Herzstück der Küste. Tausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Austernzucht ab. Entsprechend groß ist die Sorge, dass die invasive Schnecke die empfindlichen Bestände zusätzlich unter Druck setzt.

Die biologische Ausstattung des Eindringlings macht die Lage nicht einfacher. Rapana venosa gilt als ausgesprochen anpassungsfähig. Unterschiedliche Salzgehalte, Temperaturschwankungen oder sogar sauerstoffarme Gewässer übersteht sie problemlos. Hinzu kommt ein rasches Wachstum und eine hohe Fortpflanzungsrate. Eigenschaften, die vielen invasiven Arten gemeinsam sind und ihre Ausbreitung erheblich begünstigen.




Gleichzeitig offenbart sich ein bemerkenswertes Dilemma. In mehreren Ländern rund um das Schwarze Meer sowie in Teilen Asiens gilt die Schnecke als begehrte Delikatesse. Dort existieren längst kommerzielle Fischereien, die gezielt Rapana venosa fangen und vermarkten. Einige französische Fischer sehen darin eine mögliche Chance. Statt die Schnecke ausschließlich als Bedrohung zu betrachten, plädieren sie dafür, sie wirtschaftlich zu nutzen und so zumindest einen Teil des Problems einzudämmen.

Doch genau hier liegt die Krux. Aus einer Plage könnte rasch eine Einnahmequelle werden. Wenn wirtschaftliche Interessen wachsen, entsteht die Gefahr, dass die vollständige Bekämpfung der Art in den Hintergrund rückt. Ein Schädling darf nicht ungewollt zu einer Ressource werden, deren Bestand man am Ende erhalten möchte.

Die Geschichte von Rapana venosa zeigt exemplarisch, wie komplex der Umgang mit invasiven Arten geworden ist. Globale Handelswege und internationale Schifffahrt bringen Tiere und Pflanzen in Regionen, in denen sie ursprünglich nie vorkamen. An Frankreichs Atlantikküste geht es deshalb längst nicht mehr nur um eine ungewöhnlich große Meeresschnecke. Es geht um die Frage, wie sich empfindliche Küstenökosysteme schützen lassen, wenn die Grenzen der Meere immer durchlässiger werden.

Von C. Hatty

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