Tag & Nacht


An der Croisette lag in diesem Jahr ein anderer Ton in der Luft. Weniger Champagnerknistern, weniger kalkulierter Glamour, weniger jener alte Cannes Zauber, bei dem Stars in schwarzen Limousinen aussteigen und Fotografen wie ein Maschinengewehrgewitter losrattern. Stattdessen wirkte das 79. Filmfestival oft wie ein großes Nachdenken über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Und mittendrin: Cristian Mungiu.

Der rumänische Regisseur erhielt für seinen Film Fjord die Goldene Palme — zum zweiten Mal nach seinem triumphalen Sieg 2007 mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage. Ein Moment, der nicht bloß cineastische Geschichte schrieb, sondern auch erstaunlich gut zu diesem seltsamen Festival passte. Denn Mungius Kino interessiert sich nie für einfache Wahrheiten. Seine Figuren stolpern durch moralische Nebelzonen, durch gesellschaftliche Spannungen und ideologische Minenfelder. Genau dort scheint gegenwärtig auch Europa zu stehen.

Fjord erzählt von einer rumänisch norwegischen Familie, streng religiös, isoliert, innerlich angespannt. Als der norwegische Kinderschutz eingreift, beginnt ein Konflikt, der weit über familiäre Fragen hinausweist. Wer schützt hier eigentlich wen? Und wo endet Fürsorge, wo beginnt kulturelle Bevormundung?



Mungiu inszeniert diese Fragen mit jener stillen Präzision, die sein Markenzeichen bildet. Keine großen Ausbrüche. Kein moralischer Vorschlaghammer. Stattdessen Blicke, Schweigen, kleine Gesten — wie Risse im Eis eines Fjords, die erst harmlos aussehen und plötzlich ganze Landschaften verschieben.

Das Publikum in Cannes reagierte beinahe ehrfürchtig. Man spürte während der Vorführung diese seltene Festivalstille, bei der niemand hustet, niemand flüstert, niemand aufs Handy schaut. Kino als kollektive Konzentrationserfahrung. Gibt es dafür heute überhaupt noch viele Orte?

Dabei wirkte die gesamte Preisverleihung wie ein Spiegel der Gegenwart. Zahlreiche Filme beschäftigten sich mit Krieg, Identität, Migration oder politischer Gewalt. Fast jeder zweite Wettbewerbsbeitrag schien von einer tiefen gesellschaftlichen Nervosität durchzogen. Das Kino schaut derzeit nicht weg. Es bohrt hinein.

Besonders deutlich zeigte sich das beim russischen Regisseur Andrey Zvyagintsev. Als er für Minotaur den Grand Prix entgegennahm, richtete er einen offenen Appell an Wladimir Putin und forderte das Ende des Kriegs gegen die Ukraine. Für einen Moment wirkte der Saal nicht mehr wie ein Festivalpalast, sondern wie ein politisches Forum. Manche applaudierten zögerlich, andere sofort. Einige standen auf.

Cannes erinnerte plötzlich an jene Jahrzehnte, in denen Filmfestivals noch als geistige Kampfzonen galten — ein bisschen chaotisch, ein bisschen größenwahnsinnig, aber voller Haltung.

Auch die übrigen Preise fügten sich in dieses Bild. Valeska Grisebach erhielt für The Dreamed Adventure den Jury Preis. Ihr Film über Migration und Kriminalität an Europas Außengrenzen erzählt von Menschen, die nirgendwo richtig dazugehören. Die Regiepreise gingen geteilt an Paweł Pawlikowski und das spanische Duo Los Javis. Selbst bei den Schauspielpreisen setzte die Jury auf Gemeinschaft statt auf den klassischen Starkult.

Fast hatte man den Eindruck, Cannes wolle das Prinzip des Einzelgenies bewusst relativieren. Weg vom Mythos des allmächtigen Regisseurs, hin zum Ensemble, zum gemeinsamen Erzählen. Vielleicht auch ein Zeichen der Zeit.

Natürlich gab es weiterhin die ikonischen Momente: Barbra Streisand auf dem roten Teppich, Peter Jackson mit leicht zerzaustem Bart, Blitzlichter über der Croisette. Doch selbst diese Szenen trugen diesmal einen melancholischen Unterton. Als würde das Festival spüren, dass die Welt außerhalb des Kinosaals längst lauter geworden ist als jeder rote Teppich.

Und genau deshalb erscheint Mungius Sieg so folgerichtig.

Denn Fjord liefert keine einfachen Antworten. Der Film weigert sich hartnäckig, klare Täter und Opfer zu präsentieren. Stattdessen zeigt er moderne Demokratien als fragile Gebilde voller Widersprüche. Toleranz kippt in Überheblichkeit. Schutz verwandelt sich in Kontrolle. Freiheit kollidiert mit moralischen Erwartungen.

Das klingt theoretisch. Bei Mungiu fühlt es sich jedoch erschreckend konkret an.

Eine Szene bleibt besonders hängen: Ein norwegischer Beamter sitzt schweigend am Küchentisch der Familie, während draußen Schneeregen gegen die Fensterscheiben peitscht. Niemand schreit. Niemand eskaliert. Und trotzdem liegt in dieser Stille mehr Bedrohung als in manchem Actionfilm. Tja, genau solche Momente kann nur großes Autorenkino erzeugen.

Vielleicht erklärt gerade das den Erfolg von Fjord. Der Film erzählt nicht bloß von Norwegen oder Rumänien. Er erzählt von einem Europa, das sich selbst nicht mehr ganz versteht. Von Gesellschaften, die permanent über Werte sprechen und dabei oft vergessen, wie kompliziert Menschen eigentlich sind.

Cannes zeigte in diesem Jahr deshalb weniger Eskapismus als Sehnsucht — Sehnsucht nach Orientierung, nach Empathie, nach einer Sprache jenseits ideologischer Schützengräben.

Ob das Kino diese Rolle tatsächlich erfüllen kann?

Vielleicht nicht allein. Aber für einige Stunden im dunklen Saal gelingt ihm etwas, das der politischen Debatte oft misslingt: Es zwingt Menschen dazu, anderen wirklich zuzusehen.

Ein Artikel von M. Legrand

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