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Frankreich · 18.05.2026 07:27

Die dunkle Seite der Croisette: Wenn Cannes seine Stars verbannt

Das Filmfestival von Cannes liebt seine große Bühne. Goldene Palmen, blitzende Kameras, maßgeschneiderte Smokings und Roben, die mehr kosten als ein Kleinwagen — Jahr für Jahr inszeniert sich die Croisette als Zentrum der internationalen...

Das Filmfestival von Cannes liebt seine große Bühne. Goldene Palmen, blitzende Kameras, maßgeschneiderte Smokings und Roben, die mehr kosten als ein Kleinwagen — Jahr für Jahr inszeniert sich die Croisette als Zentrum der internationalen Filmwelt. Doch hinter all dem Glamour steckt ein System, das streng kontrolliert, wer dazugehört. Und wer eben nicht (mehr).

Cannes feiert Stars. Aber Cannes kann sie auch fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.

Besonders sichtbar wurde das im Fall des dänischen Regisseurs Lars von Trier. 2011 sorgte er während der Pressekonferenz zu Melancholia mit bizarren und provokanten Aussagen über Hitler und den Nationalsozialismus für einen medialen Flächenbrand. Die Festivalleitung reagierte hart. Von Trier wurde zur „persona non grata“ erklärt — ein historischer Schritt. Sein Film blieb dennoch im Wettbewerb. Genau darin liegt ein Prinzip, das Cannes bis heute verfolgt: Die Person verschwindet aus dem Rampenlicht, das Werk bleibt oft unangetastet.

Ein Balanceakt zwischen Kunstfreiheit und Imagepflege.

Auch heute arbeitet das Festival mit ähnlichen Methoden, nur leiser. Viel leiser sogar. Niemand muss mehr öffentlich verbannt werden. Es reicht, eine Einladung zurückzuziehen, einen Akkreditierungsbadge zu sperren oder den Zugang zum roten Teppich zu verweigern. Zack — plötzlich ist jemand einfach nicht mehr da.

Für Schauspieler, Influencer oder Produzenten kann das einem gesellschaftlichen Todesstoß gleichen.

2025 traf es den französischen Schauspieler Théo Navarro-Mussy. Gegen ihn standen Gewaltvorwürfe mehrerer ehemaliger Partnerinnen im Raum. Obwohl der Film mit ihm offiziell eingeladen blieb, durfte er nicht über den roten Teppich laufen. Cannes trennte also erneut zwischen Film und Figur. Kühl kalkuliert. Fast schon chirurgisch.

Die Croisette funktioniert dabei wie ein Uhrwerk aus Prestige, Diplomatie und Kontrolle. Jede Bewegung auf dem roten Teppich wirkt choreografiert. Selfies? Offiziell unerwünscht. Smartphones während bestimmter Vorführungen? Können zum sofortigen Ausschluss führen. Selbst Kleidung sorgt regelmäßig für Diskussionen. Wer zu provokant auftritt oder die strengen Codes missachtet, stößt schnell an die unsichtbaren Grenzen des Festivals.

Und die existieren wirklich.

Man merkt: Cannes betrachtet sich längst nicht mehr nur als Kulturveranstaltung. Das Festival gleicht einer globalen Marke, die ihr Bild mit eiserner Hand schützt. Kein Skandal darf außer Kontrolle geraten. Schon gar nicht in Zeiten sozialer Medien, in denen ein einziger viraler Moment genügt, um weltweit Schlagzeilen zu produzieren.

Dabei war Cannes schon immer politisch.

1968 etwa wurde das Festival mitten in den sozialen Unruhen Frankreichs praktisch lahmgelegt. Regisseure wie François Truffaut oder Jean-Luc Godard protestierten gegen die damaligen Zustände. Filme verschwanden aus dem Wettbewerb, Vorführungen wurden abgebrochen, die Stimmung kippte völlig. Ein regelrechtes Kino-Beben.

Auch während des Kalten Krieges geriet Cannes immer wieder zwischen die Fronten. Manche Filme galten als zu antikolonialistisch, andere als diplomatisch heikel. Hinter den Kulissen übten Staaten Druck aus. Kunst und Politik — in Cannes liefen beide schon immer Hand in Hand, manchmal ziemlich verkrampft.

Heute entzünden sich die Konflikte an anderen Themen. Debatten über sexuelle Gewalt, politische Positionierungen oder den Nahostkonflikt sorgen regelmäßig für Spannungen. Hinter den Kulissen reden manche bereits von informellen schwarzen Listen. Klingt nach Hollywood der fünfziger Jahre — ist aber plötzlich wieder erschreckend aktuell.

Das Faszinierende an Cannes liegt genau in diesem Widerspruch.

Das Festival verkauft die Idee grenzenloser künstlerischer Freiheit. Gleichzeitig gehört es zu den am stärksten reglementierten Orten der Kulturwelt. Glamour und Kontrolle tanzen dort eng umschlungen über den roten Teppich.

Und vielleicht macht gerade das den Mythos Cannes bis heute so unwiderstehlich.

Autor: C.H.

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