Alle Artikel · 05.10.2025 07:29
Die Feuer der Einsamkeit – wie eine 77-jährige Großmutter ihr Dorf in Angst versetzte
Castelmayran, Tarn-et-Garonne.Ein Sommerabend, still, warm, friedlich. Doch in den Feldern rund um das 1.200-Seelen-Dorf Castelmayran lodert plötzlich eine Flamme auf. Dann noch eine. Und noch eine.Elf Mal insgesamt. Die Täterin? Keine Jugendliche auf der...
Castelmayran, Tarn-et-Garonne.
Ein Sommerabend, still, warm, friedlich. Doch in den Feldern rund um das 1.200-Seelen-Dorf Castelmayran lodert plötzlich eine Flamme auf. Dann noch eine. Und noch eine.
Elf Mal insgesamt.
Die Täterin? Keine Jugendliche auf der Suche nach Nervenkitzel, kein Mann mit Benzinkanister.
Sondern Evelyne C., 77 Jahre alt, Rentnerin, Großmutter – und seit Kurzem verurteilte Brandstifterin.
Was treibt eine Frau, die ein Leben lang unauffällig war, dazu, mitten in der Nacht Feuer zu legen?
Die Spur der Flammen
Die Serie von Bränden begann im Sommer 2022 und setzte sich bis ins Frühjahr 2025 fort. Immer derselbe Ablauf, fast ritualhaft: Evelyne C. fuhr mit ihrem Auto durch die Feldwege rund um Castelmayran, öffnete das Fenster, warf zwei Grillanzünder in ein Stück Küchenpapier gewickelt aus dem Wagen – und beobachtete, wie sich das trockene Gras entzündete.
Manchmal, wenn das Feuer nicht zündete, drehte sie um und versuchte es erneut.
Die Feuerwehr rückte immer wieder aus, die Dorfbewohner waren verunsichert. Niemand kam auf die Idee, dass hinter den Flammen eine alte Dame stecken könnte, die regelmäßig im „Loto du village“ mitspielte und freundlich mit den Nachbarn plauderte.
Erst nachdem die Polizei einen GPS-Sender unter ihrem Auto angebracht hatte, wurde das Muster in aller Deutlichkeit sichtbar. Nacht für Nacht fuhr sie dieselben Strecken, hielt an denselben Orten.
Als man sie konfrontierte, gestand sie: elf Brände. Von dreizehn, die ihr zur Last gelegt wurden.
Zwischen Verlust und Verzweiflung
Vor Gericht wirkte sie ruhig, beinahe gebrochen. Evelyne C. erklärte, sie habe sich „von allen verlassen“ gefühlt. Ihre Schwiegertochter war 2022 plötzlich verstorben, ihr Mann kämpfte gegen den Krebs, und im Dorf, so sagte sie, „hatte ich das Gefühl, dass alle gegen mich sind“.
In dieser Spirale aus Trauer, Einsamkeit und Misstrauen fand sie eine Form der Verarbeitung, die sie selbst kaum verstand: das Feuer als Ventil.
„Ich fühlte eine gewisse Freiheit“, sagte sie vor dem Tribunal in Montauban. „Ein Gefühl von Macht.“
Ihre Anwältin sprach von einer Frau in seelischer Not, die Hilfe gebraucht hätte, nicht nur Strafe.
Das Urteil: Strafe und Therapie zugleich
Der Prozess endete mit einem Urteil, das so ungewöhnlich wie ausgewogen war.
Evelyne C. erhielt 18 Monate Haft, davon zehn Monate auf Bewährung.
Die verbleibenden acht Monate muss sie verbüßen – zu Hause, mit einer elektronischen Fußfessel.
Dazu kommt eine dreijährige Bewährungszeit mit verpflichtender psychologischer Betreuung.
Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr Haft ohne Bewährung gefordert, wegen der Gefährdung durch die anhaltende Trockenheit.
Doch das Gericht entschied anders: Heilung vor Härte.
Ihre Anwältin begrüßte den Beschluss. „Man hat verstanden, dass man sie behandeln muss, nicht brechen“, sagte sie nach der Urteilsverkündung.
Ein Dorf im Zwiespalt
In Castelmayran wird seither viel geredet.
Manche Nachbarn schütteln fassungslos den Kopf – andere zeigen Mitgefühl. „Sie war immer nett, immer freundlich“, sagte eine Anwohnerin. „Man versteht das einfach nicht.“
Wie lebt ein Dorf weiter, wenn die Täterin aus den eigenen Reihen kommt? Wenn der Mensch, dem man vertraute, zum Auslöser der Angst wird?
In kleinen Gemeinden ist das nicht nur ein juristischer, sondern ein emotionaler Schock.
Vertrauen, so heißt es, brennt langsamer als Heu. Aber wenn es einmal in Flammen steht, bleibt die Asche lange sichtbar.
Die schmale Linie zwischen Schuld und Krankheit
Der Fall Evelyne C. öffnet eine größere Debatte: Wo endet die Verantwortung – und wo beginnt die Krankheit?
Juristisch bleibt Brandstiftung ein schweres Delikt. Psychologisch aber deutet vieles darauf hin, dass hinter ihren Taten kein Vorsatz zur Zerstörung, sondern ein innerer Hilferuf stand.
Die französische Justiz berücksichtigt zunehmend die psychische Verfassung von Straftätern.
Gerade ältere Menschen, die in Einsamkeit und Trauer leben, geraten in seelische Ausnahmezustände, die sich auf unvorhersehbare Weise entladen können.
Das Gericht in Montauban hat diesen Zwiespalt erkannt:
Die Strafe bleibt – doch sie wird zum Rahmen, in dem Heilung möglich ist.
Mehr als ein Einzelfall
Psychologen sprechen in solchen Fällen von einer „pyromanen Krise“ – einem Zustand, in dem das Anzünden von Feuer eine symbolische Bedeutung gewinnt.
Nicht die Zerstörung ist das Ziel, sondern das Gefühl, etwas zu kontrollieren, wenn das eigene Leben entgleitet.
Evelyne C. sagte, sie habe sich „mächtig“ gefühlt.
Dieser Satz fasst die Tragödie zusammen: eine Frau, die in einem Moment der Ohnmacht glaubte, Macht zu gewinnen – und dabei ihr Dorf in Angst versetzte.
Ein stilles Urteil
Heute lebt sie wieder in Castelmayran, unter Aufsicht, mit elektronischer Überwachung.
Die Felder sind abgeerntet, das Gras ist grün, und nachts leuchtet kein Feuer mehr.
Doch das Misstrauen bleibt – leise, unausgesprochen, aber da.
Vielleicht wird man in einigen Jahren sagen, dass dieser Fall etwas verändert hat.
Nicht nur für eine alte Frau, sondern für eine Gesellschaft, die lernt, Verzweiflung als Warnsignal zu lesen, bevor sie in Flammen aufgeht.
Autor: C. Hatty