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Frankreich · 15.07.2026 08:17

Die Große Moschee von Paris: Ein Jahrhundert französischer Geschichte zwischen Erinnerung, Religion und Republik

Mitten im 5. Arrondissement von Paris, nur wenige Schritte vom Jardin des Plantes entfernt, erhebt sich ein 33 Meter hohes Minarett, das heute selbstverständlich zum Stadtbild gehört. Doch als die Grande Mosquée de Paris...

Mitten im 5. Arrondissement von Paris, nur wenige Schritte vom Jardin des Plantes entfernt, erhebt sich ein 33 Meter hohes Minarett, das heute selbstverständlich zum Stadtbild gehört. Doch als die Grande Mosquée de Paris am 15. Juli 1926 feierlich eingeweiht wurde, war sie weit mehr als ein neues Gotteshaus. Sie war Ausdruck nationaler Dankbarkeit gegenüber muslimischen Soldaten, ein Symbol der französischen Kolonialpolitik, später Zufluchtsort während der deutschen Besatzung und schließlich eine der wichtigsten Institutionen des Islam in Europa.

Anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens lohnt sich ein Blick auf ihre wechselvolle Geschichte. Sie erzählt nicht nur von der Entwicklung des Islam in Frankreich, sondern auch von den politischen, gesellschaftlichen und historischen Spannungen, die das Land bis heute prägen.

Ein Denkmal des Dankes nach dem Ersten Weltkrieg

Die Idee einer repräsentativen Moschee in Paris existierte bereits im 19. Jahrhundert, blieb jedoch lange unverwirklicht. Erst die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verliehen dem Projekt politische Bedeutung.

Hunderttausende muslimische Soldaten aus Algerien, Marokko, Tunesien sowie den damaligen französischen Kolonien in West- und Zentralafrika kämpften an der Seite Frankreichs. Zehntausende von ihnen fielen an der Front. Ihr Einsatz veränderte den Blick der französischen Politik auf die muslimischen Untertanen des Kolonialreichs zumindest teilweise.

1920 verabschiedete das Parlament ein Sondergesetz, das den Bau einer Moschee in Paris mit öffentlichen Mitteln unterstützte. Dies war bemerkenswert, denn erst fünfzehn Jahre zuvor hatte Frankreich mit dem Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche den Grundsatz strikter Laizität eingeführt. Die Finanzierung wurde ausdrücklich als Ehrung der gefallenen muslimischen Soldaten begründet und damit als Ausnahme von diesem Prinzip legitimiert.

Die Stadt Paris stellte ein Grundstück auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses zur Verfügung. Die Architekten orientierten sich an der traditionellen Baukunst des Maghreb und Andalusiens. Mit ihren kunstvollen Mosaiken, geschnitzten Holzarbeiten, Innenhöfen und dem markanten Minarett entstand eines der bedeutendsten Beispiele hispano-maurischer Architektur Europas.

Zwischen Religionsfreiheit und kolonialer Politik

Von Beginn an erfüllte die Große Moschee eine doppelte Funktion. Sie war einerseits ein Ort religiösen Lebens für Muslime in Frankreich, andererseits ein außen- und kolonialpolitisches Instrument.

In den 1920er-Jahren befand sich Frankreich auf dem Höhepunkt seiner kolonialen Macht. Millionen Muslime lebten in den französischen Besitzungen Nord- und Westafrikas sowie im Nahen Osten. Die Moschee sollte demonstrieren, dass die Republik den Islam respektierte und zugleich ihre Bindungen zu den religiösen Eliten des Kolonialreichs festigte.

Der erste Rektor, Si Kaddour Benghabrit, verkörperte diese Verbindung in besonderer Weise. Als Diplomat und Religionsgelehrter bewegte er sich souverän zwischen den politischen Eliten in Paris und den muslimischen Autoritäten Nordafrikas. Die Moschee entwickelte sich rasch zu einem Ort diplomatischer Begegnungen und empfing Staatsoberhäupter, Gelehrte und Delegationen aus der gesamten islamischen Welt.

Diese politische Dimension blieb der Institution weit über die Kolonialzeit hinaus erhalten.

Die Jahre der Besatzung – Geschichte zwischen Mut und Legende

Das bekannteste Kapitel der Geschichte der Großen Moschee spielt während der deutschen Besatzung Frankreichs.

Unter der Leitung Benghabrits fanden dort Verfolgte Schutz, darunter Mitglieder der Résistance sowie jüdische Familien, die den nationalsozialistischen Verfolgungen entkommen wollten. Zahlreiche Zeitzeugen berichten, dass muslimische Identitätsbescheinigungen ausgestellt wurden, mit denen Verfolgte ihre Herkunft verschleiern konnten. Zudem sollen Räume der Moschee und unterirdische Gänge als vorübergehende Verstecke genutzt worden sein.

Über den Umfang dieser Rettungsaktionen wird jedoch bis heute kontrovers diskutiert. Während einige Darstellungen von mehreren Hundert geretteten Menschen sprechen, nennen andere deutlich höhere Zahlen. Historiker weisen darauf hin, dass die vorhandenen Quellen keine eindeutige Quantifizierung erlauben. Unbestritten ist jedoch, dass Benghabrit und Mitarbeiter der Moschee Menschen in Lebensgefahr unterstützten und damit persönlichen Mut bewiesen.

Gerade diese differenzierte Betrachtung unterstreicht den historischen Wert ihrer Hilfe. Die belegten Rettungsaktionen verlieren nichts an Bedeutung, auch wenn einzelne Erzählungen später ausgeschmückt wurden.

Vom kolonialen Symbol zur Stimme des Islam in Frankreich

Mit der Entkolonialisierung wandelte sich die Rolle der Moschee grundlegend. Nach der Unabhängigkeit Algeriens entwickelte sich eine enge institutionelle Verbindung zwischen Algier und der Pariser Moschee.

Über Jahrzehnte beeinflusste Algerien die Finanzierung sowie die Ernennung der Rektoren. Dadurch blieb die Einrichtung nicht nur religiöse Institution, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der französisch-algerischen Beziehungen. Gleichzeitig fungierte sie für den französischen Staat als einer der wichtigsten Ansprechpartner in Fragen des muslimischen Kultus.

Mit dem Anwachsen der muslimischen Bevölkerung Frankreichs veränderte sich jedoch auch die religiöse Landschaft. Neue Verbände, Moscheen und Organisationen entstanden, wodurch die Grande Mosquée de Paris ihre frühere Monopolstellung verlor.

Gleichzeitig rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie ein eigenständiger „Islam Frankreichs“ entstehen könne – unabhängig vom politischen Einfluss ausländischer Staaten. Diese Debatte begleitet die Institution bis heute.

Mehr als ein Gotteshaus

Längst ist die Große Moschee nicht mehr ausschließlich ein religiöser Ort. Sie gehört zu den bedeutenden Kulturdenkmälern der französischen Hauptstadt und zieht jedes Jahr Hunderttausende Besucher an.

Zum Komplex gehören ein andalusischer Garten, eine Bibliothek, Unterrichtsräume für Arabisch und islamische Studien, ein traditionelles Hammam sowie eines der bekanntesten orientalischen Restaurants und Teehäuser von Paris.

Für viele Besucher steht weniger das religiöse Leben als vielmehr die außergewöhnliche Architektur im Mittelpunkt. Die detailreichen Fayencen, filigranen Holzdecken, Marmorsäulen und Innenhöfe vermitteln einen Eindruck nordafrikanischer Baukunst mitten im Herzen der französischen Hauptstadt.

Damit erfüllt die Moschee zugleich eine wichtige kulturelle Funktion als Brücke zwischen unterschiedlichen Traditionen und Gesellschaften.

Herausforderungen im 21. Jahrhundert

Seit den islamistischen Terroranschlägen der vergangenen Jahrzehnte hat die Große Moschee eine neue öffentliche Rolle übernommen. Ihre Vertreter beteiligen sich regelmäßig an nationalen Gedenkveranstaltungen, verurteilen extremistisches Gedankengut und engagieren sich im interreligiösen Dialog.

Unter dem heutigen Rektor Chems-eddine Hafiz setzt sich die Institution verstärkt für die Ausbildung von Imamen in Frankreich ein. Ziel ist ein Islam, der religiöse Tradition mit den Prinzipien der französischen Republik verbindet und stärker in der französischen Gesellschaft verwurzelt ist.

Dennoch bleibt die Moschee Gegenstand politischer Debatten. Kritiker bemängeln weiterhin ihren historischen Einfluss aus Algerien, während Befürworter ihre vermittelnde Rolle zwischen Staat, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft hervorheben. Gerade in Diskussionen über Laizität, Integration und nationale Identität nimmt sie deshalb eine besondere Stellung ein.

Hundert Jahre nach ihrer Einweihung steht die Große Moschee von Paris für weit mehr als religiöse Praxis. Sie erinnert an den Einsatz muslimischer Soldaten für Frankreich, spiegelt die Widersprüche der Kolonialgeschichte wider, bewahrt das Andenken an mutige Hilfe während der deutschen Besatzung und begleitet bis heute die Suche nach einem Platz des Islam innerhalb der französischen Republik.

Kaum ein anderes Bauwerk vereint so viele Facetten der französischen Geschichte. In ihren Mauern begegnen sich Erinnerung und Gegenwart, Glaube und Politik, koloniales Erbe und republikanischer Anspruch. Gerade deshalb bleibt die Grande Mosquée de Paris auch im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens ein einzigartiger Ort – nicht nur für Muslime, sondern für das historische Selbstverständnis Frankreichs insgesamt.

Von Andreas Brucker

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