Alle Artikel · 15.10.2024 09:14
Die Pariser Dachdecker bald Weltkulturerbe?
Seit über zweihundert Jahren prägen die Dachdecker und Zinkornamentierer – echte Handwerkskünstler des Zinks – die Pariser Skyline. Ihre Arbeit verleiht den Dächern der Stadt nicht nur ihr unverkennbares Aussehen, sondern inspiriert auch Künstler...
Seit über zweihundert Jahren prägen die Dachdecker und Zinkornamentierer – echte Handwerkskünstler des Zinks – die Pariser Skyline. Ihre Arbeit verleiht den Dächern der Stadt nicht nur ihr unverkennbares Aussehen, sondern inspiriert auch Künstler und Filmemacher. Nun steht ihr altes Handwerk kurz davor, in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen zu werden. Eine Ehre, die diese Berufsgruppe dringend braucht, besonders da sie heute mit neuen Herausforderungen wie dem Klimawandel konfrontiert ist.
Der Fotograf Gilles Mermet dokumentiert seit mehr als einem Jahrzehnt das Leben und Schaffen der Pariser Dachdecker und Zinkkünstler. Mit jeder Aufnahme erzählt er von den handwerklichen Meisterwerken, die hoch über den Straßen entstehen – von kunstvoll gearbeiteten Dachgauben bis hin zu den berühmten „Augen“ der Pariser Dächer. Doch Mermet ist nicht nur Chronist, sondern auch aktiver Unterstützer der Unesco-Kandidatur dieser Handwerkskunst. Im Dezember könnte die Entscheidung fallen: In Asuncion, Paraguay, wird darüber abgestimmt, ob das Handwerk der Pariser Dachdecker und Zinkornamentierer Teil des immateriellen Weltkulturerbes wird.
Doch wie sieht der Alltag dieser Handwerker aus?
500 Dachdecker gesucht – jeden Tag
Die Dachdeckerzunft hat ein ernsthaftes Problem: Es fehlen Fachkräfte. Jeden Morgen bleiben auf Pariser Baustellen etwa 500 Stellen unbesetzt. Gilles Mermet und seine Mitstreiter haben unzählige Filme und Fotos erstellt, um auf diesen Beruf aufmerksam zu machen – und damit potenzielle Nachwuchskräfte zu gewinnen. Trotz der Berühmtheit der Pariser Dächer zieht dieser Beruf leider nur wenige junge Menschen an.
Dabei bieten die Dächer der Stadt, mit ihren unzähligen Nuancen von Grau, eine einzigartige Herausforderung. Die Dachdecker arbeiten nicht nur mit Zink, sondern auch mit Holz und Schiefer. In den letzten Jahren mussten sie zudem neue Fähigkeiten erlernen: Durch den Klimawandel wird es immer wichtiger, Dächer auch gut zu isolieren. Doch das Material, das diese Aufgabe erfüllen soll, stellt die Handwerker vor neue Hürden. Während der Isolierstoff im Winter gute Dienste leistet, bleibt seine Wirksamkeit im heißen Pariser Sommer umstritten. Dies zwingt Hauseigentümer häufig zu aufwendigen Renovierungen.
Zink und Klimawandel: Ein schwieriger Spagat
Zink – das Material, das 80 % der Pariser Dächer bedeckt – steht mittlerweile in der Kritik. In den heißen Sommermonaten heizt sich das Metall stark auf und trägt zur Überhitzung der Wohnungen unter den Dächern bei. Die Pariser Stadtplaner sind sich dieses Problems bewusst. Eine Studie des Atelier Parisien d’Urbanisme (Apur) beschäftigt sich genau damit. Trotz der Hitzefalle, die Zinkdächer darstellen können, gibt es auch viele Vorteile. Zink ist extrem langlebig, fast hundert Jahre haltbar, und vor allem umweltfreundlich, da es vollständig recycelbar ist. Doch wie lässt sich dieses Material angesichts steigender Temperaturen in Städten wie Paris noch sinnvoll einsetzen?
Ein innovatives Konzept kommt aus der Feder des Architekturbüros Roofscapes: Sie schlagen vor, die Zinkdächer der Stadt zu begrünen. Ein erstes Pilotprojekt wurde bereits auf der alten Mairie des 4. Arrondissements, heute Sitz der „Académie du Climat“, umgesetzt. Grüne Inseln auf den Dächern – so die Idee – sollen helfen, die Hitze zu mildern. Die Vegetation bietet nicht nur Schatten, sondern schafft auch neue Räume in der dicht besiedelten Stadt. „Wir wollen die Dächer zugänglich machen, damit die Menschen dort eine Pause einlegen, ein Buch lesen oder sogar an heißen Tagen schlafen können“, erklärt Eytan Levi, Mitbegründer von Roofscapes.
Die Zukunft der Pariser Dächer: Ein Ort der Begegnung?
Die Vision: In Zukunft könnten die berühmten Pariser Dächer nicht mehr nur ein Symbol der Stadt sein, sondern auch ein Zufluchtsort. Wie wäre es, inmitten von üppigen Pflanzen und kühlem Schatten hoch über der Stadt ein Mittagessen zu genießen oder den Abend unter freiem Himmel zu verbringen?
Für die Handwerker bedeutet das eine Veränderung – und eine Chance. Die Anpassung an den Klimawandel verlangt von den Dachdeckern neue Fähigkeiten, bietet ihnen aber auch die Möglichkeit, Teil der Lösung zu sein. Die Dächer von Paris könnten nicht nur die Stadt prägen, sondern auch zu einem Symbol für den innovativen Umgang mit urbanen Herausforderungen werden.
Aber wie oft haben wir die Handwerker schon auf den Dächern gesehen, ohne weiter über sie nachzudenken? Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Beruf mehr zu würdigen – bevor es zu spät ist.
Wenn im Dezember die Entscheidung der Unesco fällt, wird es spannend sein zu sehen, ob die Pariser Dachdecker bald nicht nur in den Straßen und auf den Dächern der Stadt bekannt sind, sondern auch auf einer internationalen Bühne die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.