Alle Artikel · 25.09.2025 06:46
Dollemard: Frankreichs offene Wunde am Meer
Eine Steilküste, die bröckelt. Eine Altlast, die nie verschwunden ist. Und eine Stadt, die jahrzehntelang wegschaute: Die Geschichte der Deponie von Dollemard bei Le Havre liest sich wie ein Lehrstück darüber, wie leichtfertig der...
Eine Steilküste, die bröckelt. Eine Altlast, die nie verschwunden ist. Und eine Stadt, die jahrzehntelang wegschaute: Die Geschichte der Deponie von Dollemard bei Le Havre liest sich wie ein Lehrstück darüber, wie leichtfertig der Mensch mit seiner Umwelt umgeht – und wie schwer es ist, die Folgen wieder einzufangen.
Das Erbe unter der Kreide
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Le Havre in Trümmern. Der Wiederaufbau verlangte Platz, viel Platz – und eine Lösung für all die Schuttberge, Metalle, verbogenen Träger, zerstörten Gebäude. Die Lösung war schnell gefunden: Ein Hangstück an der Küste, etwas außerhalb, wurde kurzerhand zur Müllkippe erklärt. Dorthin wanderte alles, was nicht mehr gebraucht wurde.
Doch der Ort, der später Dollemard genannt wurde, blieb kein reiner Bauschuttplatz. Jahrzehntelang karrten Lastwagen alles heran, was entsorgt werden musste: Kühlschränke, Betonteile, Plastik, Autowracks, sogar alte Grabsteine. Offiziell? Kaum kontrolliert. Legal? Irgendwie ja, aber im Grunde eine tickende Zeitbombe.
Erst 1999 wurde die Deponie geschlossen – nicht, weil man plötzlich zur Vernunft kam, sondern weil die Steilküste selbst anfing zu brechen. Stück für Stück riss die Natur die Müllhalde auf. Doch das Ende der Müllkippe war nicht das Ende dieser Geschichte.
Wenn das Meer die Rechnung präsentiert
Die Natur vergisst nicht. Die Kreidefelsen am Ärmelkanal gehören zu den aktivsten Küstenerosionsgebieten Europas. Jedes Jahr knabbert die Brandung bis zu zwei Meter an der Steilküste. Was jahrzehntelang verborgen war, rutscht ins Meer: Plastiksäcke, Eisenstangen, Elektroschrott.
Und die See nimmt, was sie bekommt. Mal treiben die Abfälle direkt vor Le Havre, mal verschwinden sie in den Strömungen und tauchen weiter westlich oder gar auf der britischen Seite des Ärmelkanals wieder auf. Fachleute schätzen, dass rund 400.000 Tonnen Müll in Dollemard lagern – eine Art unkontrolliertes Reservoir, das mit jeder Sturmflut erneut geöffnet wird.
Die Folge: Mikroplastik in den Netzen der Fischer, Metallteile, die Algenbänke durchsetzen, Schadstoffe, die langsam in den marinen Kreislauf wandern. Wer will schon in der Normandie baden, wenn man neben und über alten Bauschuttbrocken schwimmt?
Jahrzehnte der Verzögerung
Ab den 2010er-Jahren nahm das Thema Fahrt auf. Bürgerinitiativen, allen voran Surfrider Foundation und Aquacaux, machten Druck. Studien wurden beauftragt, Probebohrungen genommen, 2021 ein erster Test gestartet: 2.000 Kubikmeter Müll wurden analysiert. Das Ergebnis: ein wilder Mix aus Beton, Metallen, Kunststoffen – und jede Menge Schadstoffe.
Doch aus Studien wird nicht automatisch ein Plan. Die Stadt zuckte mit den Schultern, der Staat vertröstete, die Kosten schienen unüberwindbar. Wer hat schon Lust, Millionen in eine Deponie zu stecken, die längst geschlossen ist und im steilsten Gelände liegt, das man sich vorstellen kann?
So verstrichen die Jahre. Und das Meer arbeitete weiter.
Der Wendepunkt: 2025
Nun aber geschieht, woran viele schon nicht mehr geglaubt haben: Ein groß angelegtes Sanierungsprojekt startete im Sommer 2025. Die Stadt Le Havre, unterstützt vom französischen Staat und der Umweltagentur ADEME, stellt mehr als 22 Millionen Euro bereit.
Es ist eine Mammutaufgabe: 312.000 Kubikmeter Müll sollen gesichert und behandelt werden, zunächst in den am besten zugänglichen Zonen. Plattformen, Kräne, Netze und komplizierte Abtransportwege werden errichtet. Bis 2028 will man 205.000 Kubikmeter schaffen.
Doch es gibt eine Schattenseite: Ein Teil der Deponie gilt als „optionale Zone“ – so schwer zugänglich, dass unklar ist, ob er jemals geräumt werden kann. Und hier lauert das Risiko, dass Dollemard nur halbherzig aufgeräumt wird.
Ein Balanceakt zwischen Schutz und Gefahr
Das Projekt ist mehr als eine technische Baustelle. Es ist ein Balanceakt:
– Natur contra Bagger: Die Klippen sind Natura-2000-Gebiet, Heimat seltener Vögel und Pflanzen. Jede Maßnahme muss naturschutzrechtlich genehmigt werden.
– Sicherheit contra Risiko: Wer auf rutschigem Hang mit schweren Maschinen arbeitet, bewegt sich am Limit. Ein falscher Schritt, ein kleiner Erdrutsch – und das Projekt steht still.
– Kosten contra Nutzen: Jeder Kubikmeter Abfall kostet Unsummen im Transport, in der Sortierung, in der Entsorgung. Wird die Finanzierung durchgehalten, oder versandet das Vorhaben in halbherzigen Lösungen?
– Öffentlichkeit contra Politik: Bürgerinitiativen fordern Transparenz, Zwischenberichte, unabhängige Kontrollen. Zu oft haben sie erlebt, wie das Thema verdrängt wurde.
Lehre für ein Land am Meer
Dollemard ist kein Einzelfall. Entlang vieler europäischer Küsten schlummern alte Müllkippen, verborgen in Dünen, Kliffs oder Mooren. Der Fall Le Havre zeigt, wie aus einer pragmatischen Nachkriegslösung ein ökologisches Desaster wird.
Die Hoffnung liegt darin, dass Dollemard nun ein Modellprojekt wird. Dass aus einem Ort der Schande ein Beispiel entsteht, wie man Altlasten beseitigen kann, selbst unter widrigsten Umständen. Doch genauso groß ist die Gefahr, dass das Projekt steckenbleibt, wenn das Geld versiegt oder die Politik die Geduld verliert.
Die Küste aber wartet nicht. Sie bricht weiter. Und mit jedem Stück Kreide, das ins Meer stürzt, wandert ein Stück verschmutzte Vergangenheit hinaus auf die Wellen.
Wer will schon, dass die Geschichte von Dollemard am Ende nur ein weiterer Beweis dafür wird, dass wir unsere eigene Hinterlassenschaft nicht mehr in den Griff bekommen?
Andreas M. B.