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Alle Artikel · 25.09.2025 10:23

Dunkerque: Tod in einer Fast-Food-Toilette

Ein Mann betritt einen Schnellimbiss. Er bestellt, geht auf die Toilette – und kommt nie wieder heraus. Was wie der Beginn eines schlechten Romans klingt, ist Realität. Es ereignete sich in Nordfrankreich, im beschaulichen...

Ein Mann betritt einen Schnellimbiss. Er bestellt, geht auf die Toilette – und kommt nie wieder heraus. Was wie der Beginn eines schlechten Romans klingt, ist Realität. Es ereignete sich in Nordfrankreich, im beschaulichen Dunkerque.

Issam, 46 Jahre alt, dreifacher Vater, angesehener Bankangestellter. Am Freitagmittag, dem 19. September, will er in einem KFC kurz zu Mittag essen. Es ist 13 Uhr. Er bestellt wie üblich an der digitalen Bestellstation und verschwindet anschließend im Obergeschoss – auf dem Weg zur Toilette.

Doch von da an: Schweigen.

Unerklärliches Verschwinden mitten am Tag

Als Issam am Nachmittag nicht zur Arbeit zurückkehrt, werden seine Kollegen nervös. Seine Familie ebenso. Anrufe gehen ins Leere. Immer und immer wieder. „Hunderte Male haben wir es versucht“, sagt sein Bruder Badr später fassungslos. Normalerweise habe Issam sein Handy immer auf laut gestellt – eine Nachricht, ein Anruf, ein Piepen: Irgendwas. Doch diesmal nichts. Nur diese verdächtige, erdrückende Stille.

Samstagfrüh beginnt die verzweifelte Suche. Die Familie prüft Krankenhäuser, Polizeistationen, die nähere Umgebung. Schließlich entdecken sie Issams Auto – geparkt direkt vor dem KFC in Grande-Synthe, einem Vorort von Dunkerque.

Die schlimme Entdeckung

In Begleitung von Mitarbeitenden gelingt es den Angehörigen, die Videoaufnahmen der Überwachungskameras zu sichten. Und da ist er: Issam. Er betritt das Lokal, geht die Treppe hinauf – und wird nie mehr gesehen. Die Kamera zeigt ihn nicht wieder.

Eine Mitarbeiterin erwähnt schließlich, dass eine Tür oben im Toilettenbereich „seit gestern abgeschlossen“ sei. Kein Alarmsignal schrillte. Niemand hatte sich gefragt, warum die Tür versperrt war. Keine Reinigung, keine Kontrolle. Nichts.

Erst als Issams Schwester selbst in die Toilette geht, stößt sie auf die Wahrheit. Dort, hinter der verschlossenen Tür, liegt ihr Bruder. Tot. Seit über 30 Stunden.

Zwischen Schock, Wut und Schmerz

Soizic, Issams Frau, steht noch immer unter Schock. Sie erinnert sich: „Während der Suche war ich selbst auf dieser Toilette. Ich habe mir die Hände gewaschen – mit meinem toten Mann nur einen Raum weiter.“ Ihre Stimme zittert. Es ist nicht nur der Verlust, der sie quält. Es ist der Gedanke an die Gleichgültigkeit, die ihn umgeben zu haben scheint.

Wie konnte es passieren, dass ein Mensch in einem öffentlichen Restaurant verschwindet – und keiner bemerkt es? Eine einfache Frage, doch die Antwort darauf ist alles andere als simpel.

Autopsie ohne Antwort

Die gerichtlich angeordnete Obduktion ergibt zunächst keine Spuren von Gewalt. Keine äußeren Verletzungen, kein Hinweis auf Fremdeinwirkung. Ist Issam an einem plötzlichen Herzinfarkt gestorben? An einem Schlaganfall? Oder hat ihn schlicht der Tod an einem Ort überrascht, an dem Hilfe unerreichbar war?

Seine Familie lässt nicht locker. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet. Denn egal, ob es eine natürliche Todesursache war oder nicht – der Umstand, dass Issam soviele Stunden unbemerkt blieb, ist für sie nicht hinnehmbar.

Ein Restaurant, das weiter serviert

Der wohl erschütterndste Aspekt: Als Issams Leiche am Samstag gefunden wird, läuft der Betrieb im KFC weiter. Der Verkauf geht einfach weiter. Kein Schließen, keine Pause. Selbst am Tag nach dem Fund öffnet der Laden wieder wie gewohnt.

Mitleid? Keines. Nicht vom Management, nicht vom Franchisenehmer.

KFC Frankreich erklärt später, man habe psychologische Betreuung für das Personal eingerichtet und eine interne Untersuchung eingeleitet. Eine Geste. Vielleicht auch ein Versuch, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Doch für die Familie klingt es wie eine hohle Floskel.

Was bleibt sind Fragen

Wie kann es sein, dass eine Toilette in einem öffentlichen Lokal über 30 Stunden nicht überprüft wird?

Wie kann ein menschlicher Körper in einem geschlossenen Raum bleiben, während drumherum weiter Chicken Wings frittiert und Getränke ausgeschenkt werden?

Und: Ist es wirklich nur ein tragischer Einzelfall – oder ein Symptom für ein System, in dem Kontrolle, Sorgfalt und menschliche Aufmerksamkeit längst der Effizienz und dem Service-Tempo geopfert wurden?

Die Familie jedenfalls will Antworten. Und sie ist nicht allein.

Vielleicht ist das größte Problem nicht, dass jemand in einem KFC gestorben ist – sondern, dass er dort 30 Stunden lang tot liegen konnte, ohne dass es irgendwen gestört hat.

Autor: Daniel Ivers

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