Alle Artikel · 05.11.2025 09:01
Ein Schloss, ein Stammbaum – und 300 Jahre Familiengeschichte
Wer in der sanften Hügellandschaft der Meurthe-et-Moselle unterwegs ist, stößt mit etwas Glück auf ein Bauwerk, das aussieht wie aus einem Märchenbuch. Mit 365 Fenstern, 52 Kaminen und 12 Türmen erhebt sich das Château...
Wer in der sanften Hügellandschaft der Meurthe-et-Moselle unterwegs ist, stößt mit etwas Glück auf ein Bauwerk, das aussieht wie aus einem Märchenbuch. Mit 365 Fenstern, 52 Kaminen und 12 Türmen erhebt sich das Château de Haroué majestätisch inmitten eines Parks, als wolle es der Zeit selbst trotzen. Doch was dieses Schloss wirklich besonders macht, ist nicht nur seine barocke Pracht – sondern die Tatsache, dass es seit über 300 Jahren von derselben Familie bewohnt wird.
30 Kilometer südlich von Nancy gelegen, wirkt das Château de Haroué wie ein Stück lebendige Geschichte. Gebaut im 18. Jahrhundert für den Prinzen Marc de Beauvau-Craon, einem engen Vertrauten des Herzogs von Lothringen, diente es nicht nur als prachtvolle Residenz, sondern auch als Bühne für bedeutende Kapitel europäischer Politik. So wurden hier einst die letzten Dokumente unterzeichnet, die das Herzogtum Lothringen an Frankreich banden.
Aline Hisler, die für die kulturellen Aktivitäten auf dem Anwesen verantwortlich ist, kennt jede Ecke des Schlosses – und jede Anekdote. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von Voltaire, der hier weilte, von Chopin, der spielte, und vom König Stanislas, der zu Gast war. Namen, die in den Fluren widerhallen wie Stimmen aus einer anderen Zeit.
Was das Schloss jedoch noch einzigartiger macht, ist die Kontinuität: Die Nachkommen des Prinzen von Beauvau-Craon leben noch heute in einem Teil des Schlosses. Während andere Adelsresidenzen zu Museen, Hotels oder Ruinen wurden, blieb Haroué ein Familienhaus – wenn auch ein sehr großes.
Natürlich bleibt auch ein Schloss dieser Größe nicht allein durch Idealismus erhalten. Seit rund 40 Jahren ist ein Teil des Anwesens für die Öffentlichkeit zugänglich. Führungen, Veranstaltungen, Besucher – all das hilft, die laufenden Kosten für Erhalt und Restaurierung zu stemmen. Doch hier wirkt nichts museal oder aufgesetzt. Es ist ein gelebtes Erbe, das man bei jedem Schritt spürt.
Eine Besucherin bringt es auf den Punkt: „Es ist selten, dass man so viele Spuren einer einzigen Familie in einem Schloss sieht. Man merkt, wie verbunden sie mit diesem Ort sind.“ Ein anderer Gast zeigt sich erstaunt: „Ich finde es bewundernswert, wie sehr sich die Besitzer für den Erhalt einsetzen. Das ist wirklich beeindruckend – und wunderschön.“
Das Schloss selbst ist ein architektonisches Meisterwerk mit 80 Zimmern, kunstvoll gestalteten Salons, Möbeln voller Geschichten – und kleinen Kuriositäten. Etwa eine Sänfte, die einst als Dekoration in einer Bar stand, bevor sie anhand der Familienwappen auf der Tür als Originalstück identifiziert und restauriert wurde.
Rund um das Schloss erstreckt sich ein parkähnlicher Garten, der den historischen Charakter des Ortes sanft umrahmt. Die französischen Gartenanlagen wurden 1957 angelegt, streng symmetrisch, mit klaren Linien – wie es die klassische Gartenkunst verlangt. Der englische Teil, romantischer und wilder, kam 1992 hinzu und verleiht dem Gelände eine zweite, verspielte Seele. „Anders als im französischen Garten haben wir hier viele Blumen – das ist naturnaher, entspannter, ein richtiger Lieblingsort“, sagt Aline Hisler beim Blick über die Wiesen.
Seit 35 Jahren steht das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz. Ein behutsamer Schutzschild, der dafür sorgt, dass nicht nur die Mauern, sondern auch die Geschichten zwischen ihnen erhalten bleiben.
Denn das Château de Haroué ist mehr als ein schönes Schloss. Es ist ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nebeneinander, sondern miteinander leben. Ein Symbol für die Kraft des familiären Erbes – und für den Willen, ein Stück Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern weiterzuerzählen.
Und wer weiß – vielleicht steht man bei einem Besuch irgendwann selbst im Schatten einer dieser zwölf Türme, blickt auf das sanft flirrende Grün des Gartens und fragt sich: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ein Zuhause Jahrhunderte überdauert?
Von C. Hatty