À la une · 08.10.2025 07:22
Emmanuel Macron – Präsident ohne Rückhalt
Er galt als der Mann, der Frankreich neu ordnen wollte. Heute sitzt Emmanuel Macron im Élysée-Palast wie auf einer Insel: von Gegnern bedrängt, von Freunden verlassen, von der Öffentlichkeit misstrauisch beäugt. Acht Jahre nach...
Er galt als der Mann, der Frankreich neu ordnen wollte. Heute sitzt Emmanuel Macron im Élysée-Palast wie auf einer Insel: von Gegnern bedrängt, von Freunden verlassen, von der Öffentlichkeit misstrauisch beäugt. Acht Jahre nach seinem Aufstieg zum Hoffnungsträger der Mitte wirkt der Präsident politisch ausgebrannt – gefangen in einem Machtapparat, der zerbröckelt.
Der langsame Zerfall des „zentristischen Blocks“
Noch vor wenigen Monaten sprach Macron von „Erneuerung“, von „Stabilität durch Mut“. Doch die jüngsten Ereignisse zeichnen ein anderes Bild. Die Regierung des erst Anfang September berufenen Premierministers Sébastien Lecornu ist schon Geschichte – sie zerbrach an der schlichten Unmöglichkeit, im zersplitterten Parlament eine tragfähige Mehrheit zu bilden. Der Rücktritt des Regierungschefs markiert nicht nur ein Kabinettschaos, sondern die Implosion des gesamten Präsidentenlagers.
Macrons Bewegung, einst als dynamisches Zentrum zwischen Links und Rechts gefeiert, hat ihre Kohäsion verloren. Renaissance, Horizons, MoDem – die Parteien seines Bündnisses sprechen kaum noch dieselbe Sprache. Hinter den Kulissen tobt bereits der Machtkampf um die Nach-Macron-Ära, und niemand will sich mehr bedingungslos an den Präsidenten binden. Selbst Gabriel Attal, einst sein politisches Wunderkind, hält inzwischen Distanz – höflich im Ton, deutlich in der Geste.
Der Präsident als Mahner in eigener Sache
In dieser Lage versucht Macron, sich selbst zu retten. Er lädt die Fraktionschefs seines Lagers in den Élysée, ruft zur Einheit auf, beschwört den „Verantwortungssinn der Mitte“. Doch die Appelle verhallen. Sie klingen wie die Wiederholung einer Formel, die ihre Magie verloren hat. Die berühmte „Präsidialmacht“, die ihn einst über den Parteien schweben ließ, wirkt stumpf – ein Symbol ohne Zugkraft.
Verfassungsrechtlich ist Macron an der Macht, politisch steht er allein. Und der Satz, der in Paris nun oft fällt – „le président est seul“ – beschreibt nicht nur einen Zustand, sondern ein Systemproblem. Frankreich erlebt eine seltene Konstellation: einen handlungsunfähigen Präsidenten mit einer gelähmten Nationalversammlung und einer Öffentlichkeit, die in Richtung Radikalopposition driftet.
Die verhängnisvolle Auflösung
Der Ursprung dieser Sackgasse liegt in Macrons eigenem Kalkül. Die Auflösung des Assemblée nationale im Sommer 2024 sollte, so sein Plan, dem Präsidentenlager neues Gewicht verschaffen – ein riskanter Versuch, die politische Landschaft nach den Europawahlen neu zu ordnen. Doch der Schuss ging nach hinten los. Das Ergebnis war ein politischer Flickenteppich aus zersplitterten Fraktionen, wechselnden Mehrheiten und kurzfristigen Zweckkoalitionen.
Seitdem gleicht Frankreich einer parlamentarischen Baustelle: keine stabile Regierung, kein verlässlicher Haushalt, ein Klima der Dauerkrise. Die politischen Kräfte wirken wie Magneten mit gleicher Polung – sie stoßen sich ab, statt sich anzuziehen.
Glaubwürdigkeitsverlust und Machtvakuum
Hinzu kommt der schleichende Autoritätsverlust des Präsidenten. Macron, der sich gerne als strategischer Denker inszenierte, wirkt heute wie ein Taktiker ohne Plan. Ob in Wirtschaftsfragen, bei der sozialen Ungleichheit oder der französischen Rolle in Europa – seine Botschaften greifen nicht mehr. Er redet, aber er überzeugt nicht.
Die Bevölkerung hat sich abgewandt. Die Reformrhetorik zündet nicht, die politische Mitte verliert an Glaubwürdigkeit. Selbst loyale Abgeordnete fürchten, dass die Nähe zu Macron bei der nächsten Wahl eher schadet als hilft.
Und während der Präsident versucht, das Bild des „überparteilichen Architekten“ zu retten, wächst um ihn eine neue Generation heran, die ihre eigenen Wege sucht – ehrgeizig, ungeduldig, machtbewusst.
Szenarien einer Präsidentschaft im Endspiel
Frankreich steht deshalb vor drei denkbaren Wegen – keiner davon bequem.
Erstens: eine erneute Auflösung des Parlaments und vorgezogene Wahlen. Doch die Gefahr wäre enorm. Das rechte Rassemblement National unter Marine Le Pen und Jordan Bardella steht in den Umfragen stabil bei über 30 Prozent. Eine Neuwahl könnte den Präsidentenblock in Stücke schlagen.
Zweitens: eine tiefgreifende Regierungsumbildung – ein Premierminister der „Einheit“, der den Präsidenten entlastet, ohne ihn offen zu entmachten. Doch wer sollte sich dafür opfern?
Drittens: ein stilles Aussitzen bis 2027, begleitet von der Hoffnung, dass das Chaos sich selbst erschöpft.
Jede dieser Optionen birgt politischen Sprengstoff. Denn sie läuft auf eine Neuordnung des Systems hinaus – eine, in der der „Macronismus“ vielleicht nur noch als eine vergangene Episode erscheinen wird.
Zwischen Rückzug und Revanche
Und doch wäre es voreilig, Macron bereits abzuschreiben. Er hat mehrfach bewiesen, dass er politische Stürme überleben kann. Seine Fähigkeit, Macht zu inszenieren, bleibt außergewöhnlich – ebenso sein Gespür für Wendepunkte.
Aber diesmal steht mehr auf dem Spiel. Nicht nur seine politische Zukunft, sondern das Vertrauen in ein System, das zuletzt immer stärker auf persönliche Autorität statt institutionelle Stabilität gebaut hat. Macron ist nun Gefangener seiner eigenen Methode: hyperzentralisiert, taktisch brillant – und politisch einsam.
Vielleicht erlebt Frankreich in diesen Monaten den Übergang von der „Ära Macron“ zu einer neuen, noch unbestimmten Ordnung. Vielleicht aber gelingt es dem Präsidenten, ein letztes Mal die Fäden zu ziehen, die ihn einst nach oben getragen haben. Die Frage ist: Wer zieht noch mit?
Autor: P. Tiko