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Alle Artikel · 08.10.2025 10:53

Evangelikale im Netz: Wie Social Media in Frankreich zur Kanzel einer neuen Glaubensgeneration wird

Ein Livestream ersetzt den Altar, ein TikTok-Clip ersetzt die Sonntagspredigt – und der Hashtag #JesusLovesYou erreicht mehr Jugendliche als ein ökumenischer Kirchentag. In Frankreich hat sich das evangelikale Christentum – und zunehmend auch der...

Ein Livestream ersetzt den Altar, ein TikTok-Clip ersetzt die Sonntagspredigt – und der Hashtag #JesusLovesYou erreicht mehr Jugendliche als ein ökumenischer Kirchentag. In Frankreich hat sich das evangelikale Christentum – und zunehmend auch der Katholizismus – in wenigen Jahren digital neu erfunden. Die „Mission“ ist online gegangen.

Die Revolution im Glaubensraum

Was früher das Gemeindehaus war, ist heute die Timeline. Gottesdienste werden gefilmt, geteilt, kommentiert. In manchen Freikirchen leuchten dutzende Handys, die Predigt läuft live auf TikTok und Instagram. Die Clips zeigen nicht nur Musik und Gebet, sondern auch Zeugnisse, Fragen, Emotionen – kurze, dichte Momente des Glaubens, zugeschnitten auf den Rhythmus der Generation Z.

Diese digitale Wendung ist mehr als ein Trend. Sie ist Ausdruck eines tiefen Wandels: Junge Menschen begegnen dem Glauben nicht mehr zuerst im Kirchenraum, sondern auf ihrem Bildschirm. Laut einer Studie von Aleteia und Famille Chrétienne sind 73 Prozent der französischen Katechumenen – also Erwachsenentaufbewerber – unter 35 Jahre alt, fast die Hälfte sogar unter 25. Der Einstieg ins Religiöse erfolgt oft über Social Media, wo Neugierde und Algorithmen aufeinanderstoßen.

Vom Pfarrer zum Content Creator

Aus dieser neuen Landschaft entstehen Figuren, die man vor zehn Jahren kaum für möglich gehalten hätte: christliche Influencer. Sie filmen sich beim Bibellesen, kommentieren gesellschaftliche Themen aus Glaubenssicht oder beantworten in Livestreams Fragen über Moral, Liebe und Lebenssinn.

Einer der bekanntesten ist der Dominikanerpater Paul-Adrien d’Hardemare. Er hat sich auf YouTube, TikTok, Instagram und sogar auf Discord eine junge, loyale Community aufgebaut. Dort spricht er mit einer Mischung aus Theologie, Humor und Alltagssprache über Sinnfragen und Gesellschaft. Mit seinem Netzwerk Acutis hilft er inzwischen anderen, ähnliche Kanäle aufzubauen – eine Art „Kloster 2.0“.

Auch Matthieu Jasseron, bekannt als „Père Matthieu“, nutzte TikTok, um das Christentum nahbarer zu machen. Mit frechen, manchmal provokanten Clips erreichte er Millionen – bevor er sich zurückzog, um Abstand von der ständigen Sichtbarkeit zu gewinnen. Sein Rückzug wurde selbst zur Nachricht, zum Sinnbild einer Spannung, die viele religiöse Influencer kennen: zwischen missionarischem Eifer und digitaler Erschöpfung.

Digitale Mission: Chancen und Sogwirkungen

Glaube auf Knopfdruck

Social Media hat eine unschlagbare Stärke: Niedrigschwelligkeit. Ein Klick genügt, um in ein Gebet einzutauchen oder eine Predigt zu hören. Der Zugang ist frei, anonym, emotional. Für Menschen, die Schwellenangst vor Kirchenräumen haben, ist das ein neuer Weg hinein. „Man kann sich erst digital annähern – und dann real dazukommen“, sagen viele junge Christinnen und Christen.

Glaube im passenden Format

Kurzvideos, Reels, Podcasts – das sind die modernen Kanzeln. Sie sprechen die Sprache einer Generation, die weniger liest, aber mehr scrollt. Ein einminütiger Clip über Hoffnung kann viral gehen, wo eine Predigt kaum noch Hörer findet. Emotion, Musik und persönliche Geschichte werden zu Werkzeugen der Verkündigung. Das Spirituelle wird nicht unbedingt verwässert, sondern neu verpackt.

Gemeinschaft trotz Entfernung

Online-Gemeinden entstehen rund um Hashtags und Messenger-Gruppen. Zeugnisse werden geteilt, Fragen gestellt, gegenseitige Gebete ausgesprochen. Diese Interaktivität erzeugt ein Gefühl von Nähe, das klassische Kirchenstrukturen oft nicht mehr bieten. Evangelikale Bewegungen, traditionell stark im persönlichen Zeugnis, nutzen das Internet so, wie sie einst die Gitarre nutzten: als Brücke.

Früchte der Mission

Der Erfolg ist messbar. Frankreich verzeichnet laut katholischen Medien einen „Rekord an Taufen“ – der Einfluss sozialer Medien wird ausdrücklich erwähnt. Auch evangelikale Gemeinden wachsen, besonders in urbanen Milieus. Online wird zum Ort der ersten Begegnung, Offline zum Ort der Taufe.

Doch die neue Kanzel hat Schattenseiten

Der schnelle Glaube

Wenn das Evangelium in 30 Sekunden passen muss, droht Tiefe verloren zu gehen. Der „Instagram-Glaube“ berührt schnell, trägt aber manchmal nur kurz. Ohne spirituelle Begleitung bleibt Begeisterung oberflächlich – und zerrinnt, sobald der Algorithmus das Thema wechselt.

Abhängigkeit vom System

Ein Prediger mag 100.000 Follower haben – doch ein einziger Algorithmuswechsel kann ihn unsichtbar machen. Plattformen löschen oder drosseln religiöse Inhalte, sobald sie zu sensibel wirken. Die Mission im Netz bleibt abhängig von Konzernen, deren Interesse nicht die Verkündigung ist.

Freiheit vs. Institution

Nicht jeder, der über Glauben spricht, hält sich an kirchliche Linien. Gerade katholische Influencer geraten in Konflikt mit ihren Institutionen, wenn sie eigenwillig auftreten. Manche Bischöfe fördern das – andere fürchten Kontrollverlust. Zwischen Dogma und Digitalität entsteht eine neue Zone der Reibung.

Zwischen Mission und Manipulation

Die französische Beobachtungsstelle Miviludes schaut genau hin. Sie warnt vor religiösen Akteuren, die online missionieren, aber ins Sektenhafte kippen. Auch das gehört zur Realität des digitalen Glaubens: Wo man Begeisterung weckt, kann auch Einfluss gefährlich werden.

Vom Klick zur Gemeinschaft

Ein Like ist keine Bekehrung. Wer online den Glauben findet, braucht reale Orte, um ihn zu leben – Gruppen, Begegnungen, Rituale. Ohne diesen Schritt bleibt der Glaube ein flüchtiges Erlebnis. Das Netz kann die Tür öffnen, aber nicht das Haus ersetzen.

Zwischen Bildschirm und Begegnung

Frankreich erlebt eine stille digitale Reformation. Die Kirchen – besonders die evangelikalen – haben verstanden, dass das Evangelium dort verkündet werden muss, wo die Menschen sind: im Strom der Feeds und Stories. Doch sie stehen vor einem Balanceakt.

Das Netz kann Brücken bauen, aber keine Gemeinschaft ersetzen. Es kann Herzen erreichen, aber nicht Hände reichen. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird sein, aus Klicks Beziehungen zu machen – aus Followern Glaubende.

Denn eines bleibt, digital oder nicht: Der Glaube wächst nicht durch Sichtbarkeit, sondern durch Begegnung.

Von C. Hatty

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