Alle Artikel · 29.04.2025 06:10
Feminismus auf dem Prüfstand: Frankreichs politische Macht bleibt weiterhin männlich
Am 29. April 2025 feiert Frankreich den 80. Jahrestag des Frauenwahlrechts – ein historisches Ereignis voller Symbolkraft. Doch während das Jubiläum gewürdigt wird, zieht Oxfam France mit der Veröffentlichung seines ersten „Index der Feminisierung...
Am 29. April 2025 feiert Frankreich den 80. Jahrestag des Frauenwahlrechts – ein historisches Ereignis voller Symbolkraft. Doch während das Jubiläum gewürdigt wird, zieht Oxfam France mit der Veröffentlichung seines ersten „Index der Feminisierung der Macht“ eine ernüchternde Bilanz: Frauen sind nach wie vor massiv unterrepräsentiert in den Führungsetagen des Landes.
Macht bleibt Männersache
Laut dem neuen Bericht sind nur 28 Prozent der wichtigsten Machtpositionen in Frankreich von Frauen besetzt. Der Index beleuchtet verschiedene Ebenen – von Regierung über Parlament bis zu den höchsten Gerichtshöfen und Verwaltungsspitzen.
- Exekutive: Nur 29,6 Prozent der Kabinettsposten sind weiblich besetzt – besonders in Schlüsselressorts herrscht Männlichkeit vor.
- Parlament: 38,6 Prozent der Abgeordneten sind Frauen – ein Rückschritt gegenüber der letzten Legislaturperiode.
- Kommunalpolitik: Gerade einmal 25 Prozent der Bürgermeisterposten liegen in weiblicher Hand.
- Staatliche Spitzenpositionen: In den obersten Verwaltungsbehörden und Gerichten sind nur 19,7 Prozent Frauen vertreten.
Wenn man sich diese Zahlen ansieht, drängt sich die Frage auf: Wo bleiben die vielen schönen Versprechen von echter Gleichstellung?
Gesetze ja – aber ohne Wirkung?
Seit dem Jahr 2000 verpflichtet die französische Gesetzgebung Parteien zur geschlechtergerechten Aufstellung bei Wahlen. In der Praxis zeigt sich jedoch: Wo keine Pflicht besteht, bleibt die Parität Wunschdenken. Besonders bei Parlamentswahlen setzen viele Parteien lieber auf die Zahlung von Strafen, als ihre Listen ausgewogen zu gestalten.
Und selbst in offiziell paritätischen Gremien dominieren Männer oft die Machtzentren. Frauen werden auf „softe“ Ressorts wie Kultur oder Soziales abgeschoben – während die großen Ressorts wie Verteidigung, Wirtschaft oder Inneres fest in Männerhand bleiben.
Der Ruf nach einem „zweiten Akt der Parität“
Angesichts dieser Stagnation schlagen zahlreiche Politikerinnen Alarm. Über zwanzig prominente Frauen aus Politik und Gesellschaft – darunter Anne Hidalgo, Martine Aubry und Carole Delga – fordern einen radikalen Neuanfang.
Zu ihren Vorschlägen gehören:
- Verpflichtende Quoten für Spitzenpositionen.
- Reformen der Wahlsysteme, um faire Teilhabe zu fördern.
- Härtere Sanktionen für Parteien, die Parität ignorieren.
Ob diese Forderungen Gehör finden werden? Vieles hängt von der politischen Bereitschaft ab, endlich klare Kante zu zeigen.
Ohne Kulturwandel keine echte Gleichstellung
Oxfam macht deutlich: Gesetze reichen nicht. Solange gesellschaftliche Stereotype fortbestehen – etwa die Vorstellung, dass Führungsstärke eine männliche Eigenschaft sei – bleiben Frauen in vielen Bereichen außen vor.
Notwendig ist ein kultureller Wandel, der tief in Bildung, Medien und Arbeitswelt greift. Nur so können auch unbewusste Vorurteile abgebaut und neue Rollenbilder geschaffen werden.
Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Macht weiterhin als „Männersache“ gilt?
Bilanz: Zwischen Lichtblicken und Enttäuschung
80 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts steht Frankreich an einem Scheideweg. Einerseits ist die Präsenz von Frauen in der Politik heute selbstverständlich. Andererseits zeigt der Oxfam-Bericht: Symbolik reicht nicht aus – echte Machtverteilung bleibt die große Herausforderung.
Es bleibt zu hoffen, dass der Ruf nach einem „Akt II der Parität“ nicht ungehört verhallt. Denn nur eine Demokratie, in der Frauen und Männer gleichermaßen an den Schalthebeln sitzen, verdient diesen Namen wirklich.
Von Andreas M. B.