Alle Artikel · 17.09.2025 07:38
Frankreich: Angst vor den "Black Blocs" bei der Großmobilisierung
Frankreich hält den Atem an. Am 18. September soll es landesweit zu einer massiven Protestwelle kommen – getragen von Gewerkschaften, Studierenden, Beschäftigten im öffentlichen Dienst, aber auch von einem breiteren Bündnis unter dem Motto...
Frankreich hält den Atem an. Am 18. September soll es landesweit zu einer massiven Protestwelle kommen – getragen von Gewerkschaften, Studierenden, Beschäftigten im öffentlichen Dienst, aber auch von einem breiteren Bündnis unter dem Motto „Bloquons tout“ („Blockieren wir alles“). Doch während Hunderttausende Menschen auf die Straße gehen dürften, liegt ein Schatten über der Bewegung: die Furcht vor den Black Blocs.
„Bloquons tout“: Vom Hashtag zur Straßenmacht
Die Bewegung begann unscheinbar in den sozialen Medien. Binnen weniger Tage formte sich daraus ein Protest, der bereits am 10. September ein deutliches Zeichen setzte. Damals zogen zwischen 175.000 und 250.000 Menschen durch französische Städte, von Paris bis Montpellier, von Nantes bis Lyon.
Es blieb nicht überall friedlich. Straßensperren, brennende Mülltonnen, Kollisionen mit der Polizei. Bilder, die viele an die Gelbwesten-Zeit erinnerten.
Diesmal, am 18. September, erwarten die Behörden über 400.000 Menschen in rund 250 Demonstrationszügen. Die Hauptforderung: Rücknahme des Sparpakets der Regierung. 43,8 Milliarden Euro wollte Ex-Premierminister François Bayrou für 2026 kürzen – darunter die Streichung von zwei Feiertagen und harte Einschnitte bei den öffentlichen Diensten. Für viele Franzosen ein direkter Angriff auf das soziale Gefüge.
Der schwarze Schatten: Angst vor den Radikalen
Doch während die Gewerkschaften auf breite Unterstützung setzen, richtet sich der Blick der Sicherheitsdienste auf ein anderes Szenario. Hunderte, womöglich über tausend sogenannte "Black Blocs" werden in den großen Städten erwartet. Ein Teil davon soll aus Deutschland und Italien anreisen – mit klarer Absicht, Konfrontation zu suchen.
Die Rede ist von einer „hybriden Bedrohung“: morgens Blockaden an Verkehrsknotenpunkten, danach friedliche Gewerkschaftsmärsche, schließlich aggressive Angriffe auf Symbole des Staates und der Wirtschaft. Paris steht dabei im Fokus – der Boulevard Périphérique und mehrere Schulen gelten als mögliche Hotspots.
Die Bilder der Vorwoche haben Eindruck hinterlassen: Vor dem Lycée Hélène Boucher kam es bereits zu heftigen Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Viele fragen sich: Wiederholt sich das? Oder eskaliert es noch stärker?
Polizei zwischen Prävention und Härte
Innenminister Bruno Retailleau hat die Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft versetzt. In einem Rundschreiben an die Präfekten fordert er ein konsequentes Vorgehen: staatliche Gebäude schützen, symbolträchtige Orte sichern, Infrastrukturblockaden sofort räumen.
In den Metropolen Paris, Lyon, Rennes, Toulouse, Nantes, Dijon, Montpellier und Bordeaux wird massiv Polizei aufgefahren. Wasserwerfer, mobile Eingreiftruppen, Drohnenüberwachung – alles soll verhindern, dass die Proteste in Straßenschlachten umschlagen.
Doch genau hier beginnt das Dilemma: Eine zu harte Hand könnte den Unmut vieler friedlicher Demonstranten anfachen. Eine zu lasche Haltung wiederum öffnet Tür und Tor für die Black Blocs.
Wer kontrolliert die Straße?
Die Gewerkschaften stehen vor einem schwierigen Spagat. Einerseits wollen sie die Wut auf die Regierung bündeln und eine klare Botschaft senden: Gegen Sozialabbau, für Solidarität. Andererseits fürchten sie, dass ihre Märsche von radikalen Gruppen gekapert werden.
Die Frage, die über allem schwebt: Wer bestimmt am Ende das Bild des Tages – die Gewerkschaften mit ihren Transparenten oder die Vermummten in Schwarz mit ihren Pflastersteinen?
Denn in der öffentlichen Wahrnehmung genügt ein brennendes Auto oder eine attackierte Bankfiliale, um das politische Signal der Demonstrationen zu übertönen.
Ein Wendepunkt?
Der 18. September könnte zu einem Prüfstein werden. Für die Gewerkschaften, die zeigen müssen, dass sie mobilisieren können, ohne die Kontrolle zu verlieren. Für den neuen Premierminister Lecornu, der entscheiden muss, ob er trotz massiver Proteste an dem Sparkurs festhält. Und für die Gesellschaft, die sich fragen muss, wie weit ihre Wut reicht – und wer sie auf den Straßen vertritt.
Es ist ein Balanceakt zwischen berechtigtem Protest und drohender Eskalation. Frankreich steht am Donnerstag vor einer Kraftprobe, deren Ausgang nicht nur über Sparhaushalte, sondern auch über das Vertrauen in Politik und Institutionen entscheiden könnte.
Am Ende wird nicht nur gezählt, wie viele Menschen demonstriert haben. Sondern auch, wie viele Scheiben zersplittert sind.
Autor: Andreas M. Brucker