Alle Artikel · 12.06.2025 07:23
Frankreich diskutiert die „Zucman-Steuer“ – ein Signal gegen Steuerflucht und Vermögensungleichheit
Am 12. Juni 2025 befasst sich der französische Senat mit einem Gesetzesvorschlag, der das Potenzial hat, das Steuersystem des Landes grundlegend zu verändern: die sogenannte „Zucman-Steuer“. Eingebracht vom ökologischen Senatsblock, basiert sie auf den...
Am 12. Juni 2025 befasst sich der französische Senat mit einem Gesetzesvorschlag, der das Potenzial hat, das Steuersystem des Landes grundlegend zu verändern: die sogenannte „Zucman-Steuer“. Eingebracht vom ökologischen Senatsblock, basiert sie auf den Studien des französischen Ökonomen Gabriel Zucman und zielt auf eine gerechtere Besteuerung der extrem Reichen ab. Trotz geringer Erfolgsaussichten im konservativ dominierten Oberhaus sorgt das Vorhaben für hitzige Debatten und eine Neubewertung fiskalischer Gerechtigkeit.
Frankreich steht dabei exemplarisch für eine wachsende internationale Bewegung, die nach Wegen sucht, um die massive Konzentration von Vermögen und die damit einhergehende Erosion öffentlicher Haushalte zu stoppen.
Reaktion auf ein dysfunktionales Steuersystem
Gabriel Zucman, Professor an der University of California, Berkeley, und Direktor des Europäischen Observatoriums für Steuerfragen, hat in seinen Untersuchungen dargelegt, dass die Superreichen in Frankreich real weit geringere Steuerlasten tragen als die Mittelschicht. Nach seinen Berechnungen entrichten Milliardäre im Durchschnitt lediglich 0,3 % ihres Vermögens an Steuern – ein strukturelles Ungleichgewicht, das durch aggressive Steuervermeidung begünstigt wird.
Die vorgeschlagene Maßnahme würde Haushalte mit einem Vermögen von über 100 Millionen Euro erfassen – etwa 1.800 in ganz Frankreich. Der zentrale Mechanismus: Ein Steuer-Mindestbeitrag von 2 % auf das Gesamtvermögen. Liegt die Summe der bereits entrichteten Abgaben (Einkommensteuer, Sozialabgaben, Vermögensteuer etc.) unter dieser Schwelle, soll die Differenz nacherhoben werden. Laut Berechnungen des französischen Finanzministeriums könnten dadurch jährlich bis zu 25 Milliarden Euro zusätzlich in den Staatshaushalt fließen.
Die Kontroverse um Wirkung und Verfassungsmäßigkeit
Die konservative und zentristische Mehrheit im Senat zeigt sich indes skeptisch. Sie verweist auf potenzielle Nebenwirkungen: die Erschwerung unternehmerischer Tätigkeit, Kapitalflucht und administrative Hürden bei der Vermögensbewertung. Mehr noch: Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit der Maßnahme stehen im Raum, insbesondere wegen möglicher Ungleichbehandlungen und der Schwierigkeit, globale Vermögenswerte korrekt zu erfassen.
Zucman selbst widerspricht diesen Einwänden. Der Fokus auf Mindestbesteuerung anstelle neuer Abgabentypen mache die Steuer rechtlich robuster und wirtschaftlich sinnvoller. Er verweist zudem auf internationale Steuerabkommen, etwa das CRS-Abkommen der OECD, die den Informationsaustausch über Auslandskonten verbessern – ein Hebel gegen die vielzitierte Flucht in Steueroasen.
Zucman argumentiert: „Wer sich heute auf die Cayman-Inseln absetzt, zahlt dort keine Einkommensteuer – aber das schützt nicht davor, in Frankreich für das eigene Vermögen nachbesteuert zu werden.“ Der Geist seiner Reform ist dabei weniger repressiv als strategisch: Steuergerechtigkeit durch Schließung von Schlupflöchern.
Symbolpolitik mit globaler Dimension
Die Zucman-Steuer ist mehr als nur ein französisches Projekt. Sie reiht sich ein in eine internationale Bewegung für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen. Im Juni 2024 hatte Zucman auf dem G20-Gipfel in Rio de Janeiro ein globales Konzept für eine 2%-Mindeststeuer auf das Vermögen von Milliardären vorgestellt – potenzielle Einnahmen: 250 Milliarden US-Dollar jährlich. Unterstützt wurde der Vorschlag unter anderem von Brasilien, Südafrika, Spanien und Belgien.
Die OECD und EU-Kommission zeigen sich offen für weitere Schritte in Richtung einer internationalen Koordination solcher Steuern.
Frankreich ist eines der ersten Länder, in dem nun konkrete Gesetzesvorschläge auf nationaler Ebene vorliegen. Die grüne Fraktion im Senat betrachtet die Debatte als langfristigen Hebel. Selbst wenn das Gesetz in der jetzigen Form scheitern sollte, wollen sie eine verfassungsrechtliche Prüfung erzwingen – mit dem Ziel, die Machbarkeit solcher Maßnahmen höchstrichterlich feststellen zu lassen.
Ein Prüfstein für die gesellschaftliche Solidarität
In einem Umfeld steigender öffentlicher Verschuldung, wachsender sozialer Spannungen und eines enormen Investitionsbedarfs in Klima- und Sozialpolitik ist die Diskussion über die gerechte Verteilung der Steuerlast so aktuell wie selten. Frankreich steht nicht allein: Auch in Deutschland, den USA oder Großbritannien wird der Ruf nach höheren Abgaben für das reichste ein Prozent der Bevölkerung lauter.
Dabei geht es nicht nur um fiskalische Fragen, sondern um gesellschaftspolitische Grundsatzentscheidungen: Wie viel Ungleichheit ist mit demokratischer Stabilität vereinbar? Welche Verantwortung tragen die Reichsten für den Erhalt des Gemeinwesens?
Die „Zucman-Steuer“ bringt diese Debatten auf den Punkt – pointiert, provozierend und mit wissenschaftlicher Rückendeckung. Sie könnte mittelfristig zu einer Neujustierung der fiskalischen Leitlinien in westlichen Demokratien beitragen.
Von Andreas Brucker