Alle Artikel · 19.04.2025 06:49
Frankreich gibt der Wissenschaft ein Zuhause: Aix-Marseille wird Zufluchtsort für US-Forscher
Während in den USA die wissenschaftliche Freiheit zunehmend unter Druck gerät, öffnet Frankreich seine Türen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ab Juni empfängt die Universität Aix-Marseille rund 20 amerikanische Forscher, die in ihrer...
Während in den USA die wissenschaftliche Freiheit zunehmend unter Druck gerät, öffnet Frankreich seine Türen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ab Juni empfängt die Universität Aix-Marseille rund 20 amerikanische Forscher, die in ihrer Heimat mit wachsender Repression zu kämpfen haben. Unter dem vielsagenden Namen „Safe Place for Science“ entsteht damit nicht nur ein wissenschaftliches Schutzprogramm, sondern auch ein kraftvolles Statement gegen die Politisierung der Forschung.
Forscher unter Beschuss
Seit Donald Trumps Rückkehr an die Macht hat sich für viele Wissenschaftler in den USA das Klima drastisch verschärft. Besonders betroffen: Forscher in sensiblen Bereichen wie Klimawandel, öffentliche Gesundheit oder Sozialwissenschaften. Berichte über gestrichene Fördermittel, politisch motivierte Entlassungen und sogar gelöschte Forschungsdaten sind keine Seltenheit mehr – ein Albtraum für jede akademische Laufbahn.
Einige Betroffene verloren nicht nur ihre Projekte, sondern gleich ihre komplette berufliche Existenz.
Eine Flut an Bewerbungen – Hoffnung in Zahlen
Als Aix-Marseille im März den Aufruf zur Teilnahme am Programm veröffentlichte, folgte eine überwältigende Reaktion: Fast 300 Bewerbungen innerhalb eines Monats – davon 242 qualifiziert. Ein klarer Hinweis darauf, wie dringend dieses „sichere Zuhause“ gebraucht wird. Die Bewerber kommen aus Häusern, die in der Wissenschaftswelt klingende Namen tragen: NASA, Yale, Stanford, Columbia.
Frankreich wird zur Hoffnung, zur neuen Heimat. Ein Neuanfang in der Provence – fernab von Zensur, nah an der Forschung.
Millionenbudget für Freiheit und Integration
Das Projekt ist mehr als ein symbolischer Akt. Aix-Marseille investiert 15 Millionen Euro – Geld, das in Forschung, Infrastruktur und vor allem Menschen fließt. Jeder Forscher erhält eine Unterstützung von 600.000 bis 800.000 Euro für drei Jahre.
Doch das Programm denkt weiter: Auch Familien werden begleitet. Wohnungen, Schulen für die Kinder, Arbeitsmöglichkeiten für Partner – der Neustart in Frankreich soll ganzheitlich gelingen. Keine halben Sachen.
Der „wissenschaftliche Flüchtling“ – ein neues Kapitel?
Frankreich denkt langfristig. Der ehemalige Präsident François Hollande, heute Abgeordneter in der Nationalversammlung, hat einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der einen neuen Status einführen soll: den des „wissenschaftlichen Flüchtlings“. Damit könnten Forscher, deren akademische Freiheit gefährdet ist, offiziell Schutz erhalten – ähnlich wie politisch Verfolgte.
Ist das die Geburtsstunde eines neuen Asylrechts? Eine Art „politisches Labor“ für eine moderne Asylpolitik, die Wissen schützt?
Ein Land mit Haltung
Die Entscheidung der Universität Aix-Marseille knüpft an eine alte französische Tradition an. Schon immer hat das Land Gelehrten Schutz geboten, von den Philosophen der Aufklärung bis zu Exilanten des 20. Jahrhunderts. Frankreich sieht Wissenschaft nicht als Wirtschaftsressource, sondern als Kulturgut.
Forschung lebt von Freiheit – davon ist man hier überzeugt.
Wissenschaft gewinnt auf ganzer Linie
Natürlich ist das Projekt auch ein Gewinn für Frankreich. Die Aufnahme hochkarätiger Forscher bedeutet neue Impulse, internationale Kooperationen und frische Ideen für die heimische Forschungslandschaft. Das Renommee der beteiligten Wissenschaftler verleiht der französischen Forschung neue Strahlkraft.
Das ist keine Einbahnstraße – es ist ein Austausch auf Augenhöhe.
Wenn Wissenschaft wandert
Was wir hier erleben, ist eine leise, aber bedeutende Wanderungsbewegung. Nicht aus wirtschaftlicher Not oder politischer Verfolgung im klassischen Sinne – sondern wegen geistiger Enge. Wenn kluge Köpfe fliehen, weil ihre Fragen unerwünscht sind, läuft etwas gewaltig schief.
Doch: Die Wissenschaft findet immer einen Weg. Manchmal führt er über den Atlantik nach Aix-en-Provence.
Von C. Hatty